29 September 2003 - Barcelona, Spanien

Hallo Freunde

Es muss irgend einmal diesen Fruhling gewesen sein. Roger und ich sassen in einem Restaurant in Bern bei einer Stage und dachten zum wiederholten Male uber unsere bevorstehende Reise nach, als sich das Gesprach unserem Abfahrtsdatum zuwandte. Auf Ende August hatten wir unser Frachtschiff gebucht, welches wir in Barcelona besteigen sollten. Um die etwas mehr als 1000km von Bern nach Barcelona zu bewaltigen, sowie einige Tage Aufenthalt in Barcelona, rechneten wir, dass wir etwa drei Wochen Zeit von der Abfahrt in Ben bis zur Abfahrt in Barcelona benotigten. Ende August minus drei Wochen ? nach unserer Rechnung ergab das Montag, den 11.August '03.

11.August '03; 06.00Uhr; Munsterplatz Bern. Ein unwirkliches Bild. Wahrend die Stadt sich fur einen weiteren Arbeitstag parat machte und die ersten Geschaftsleute mit verschlafenen Gesichtern durch die Gassen hetzten, stand da eine Gruppe von elf Personen mit vor freudiger Trauer nassen Augen. Um den Beginn unserer Reise gemeinsam zu begehen, luden wir unsere Familien im Morgengrauen zu einem ?offiziellen? Start vor dem Munster ein. Trotz der ungewohnlich fruhen Zeit erschienen sie ? Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Onkel, Fruendin ? um uns die letzten Gluckwunsche mit auf den Weg zu geben. Die eine Familie brachte Kaffee, die andere Gipfeli, so dass wahrend dieses improvisierten Z'morge die vollbepackten Velos bestaunt werden konnten. Beide waren mit einer Lenkertasche, zwei Vorderradtaschen, zwei Hinterradtaschen und einem auf dem hinteren Gepacktrager befestigten Packsack beladen. Auf den esrten Blick schien es eine Menge Gepack zu sein, doch war allen klar, dass diese Reis e wohl nicht all zu bald zu Ende sein wurde und diese je 45kg auf unseren Velos uns eine unbestimmt lange Zeit zu begleiten haben. Nicht einmal wir selber wussten genau, was auf uns zukommen wurde. Wo wird uns der Weg hin fuhren? Was werden wir dabei erleben? Wie lange wird es dauern? Vielleicht auch all diesen Fragen wegen fiel uns der Abschied nicht leicht. Es war kein Abschied fur eine bestimmte Zeit ? es war ein Abschied auf Zeit. Und als dann der Champagner entkorkt, die Glaser geleert und die Gipfeli gegessen waren, ging es los. Die Munstergasse hoch, immer dem Wegweiser ?Barcelona? folgend, unserem ersten Etappenziel. Eine Etappe, die wir bei unserer Planung fast ausser acht gelassen hatten, da fur uns die Veloreise erst so richtig in Argentinien beginnen wird. Doch wussten wir in diesem Moment noch nicht, dass wir wahrend dieser Zeit mehr erleben wurden, als wir uns vorgestellt hatten.

Text? Nachdem wir unseren Familien den Rucken zugewandt hatten, fuhren wir, gestossen von den ersten Sonnenstrahlen, aus der Stadt und bald darauf aus dem Kanton Bern. Wir uberquerten die Sprachgrenze und erreichten bald darauf die Landesgrenze. Vorbei am letzten Migros und am letzten Coop, ging es nach frankreich. In Gedanken versuchten wir uns vorzustellen, wann, wie und wo wir wohl wieder in die Schweiz zuruck kehren wurden. Doch eigentlich wollten wir im Moment gar nicht zuruck, sondern weg ? weit weg! Aber dafur liessen wir uns Zeit.

Unser erstes Ziel war das kleine Dorfchen Hautrives. Gelegen zwischen Lyon und Valence in Dep. La Drôme, ware es ein ganz gewohnliches Dorf, lebte dort nicht um die Jahrhundertwende ein Brieftrager namens Joseph-Ferdinand Cheval. Sein Traum war es, mit seinen eigenen Handen einen feenhaften Palast zu bauen. In 33jahriger Arbeit vollendete er seinen ?Palais Ideal?(26m lang, 10m breit, 8-10m hoch), der nun im Garten seiens ehemaligen Hauses zu bestaunen ist. Auf einer Seite des ?Palais Ideal? steht geschrieben: ?Wo der Traum Wirklichkeit wird?. Facteur Cheval hatte seinen Traum in lange dauernder, harter Arbeit verwirklicht. Auch wir hatten einen Traum, der Traum von dieser vor kurzem begonnenen Veloreise. Ob auch wir einmal von einer Verwirklichung unseres Traumes werden sprechen konnen?

Von diesem Wunder der Willenskraft fuhren wir zu einem Wunder der Natur. Mit leeren Magen kamen wir in Vallion-Pont d'Arc an, dem Dorf, am Eingang zur Ardeche-Schlucht. Doch bevor wir unseren Hunger stillen konnten, wollten wir noch umbedingt den Pont d'Arc sehen, die naturliche Steinbrucke uber die Ardeche. So sprangen wir in den Fluss und meinten, so lange Fluss abwarts schwimmen zu konnen, bis wir den Pont d'Arc vor Augen hatten.Doch unterschatzten wir die Distanz und kehrten unverrichteter Dinge zu unseren Velos zuruck. Da kam Roger plotzlich die glanzende Idee, dem psychischen und dem physishcen Hunger gleichzeitig entgegen zu kommen, indem wir unsere sieben Sachen packten, zum Pont d'Arc fuhren und auf den Steinen am Fusse dessen unser Nachtessen kochten. Zur Kronung hullte der Sonnenuntergang noch die Felsen in der Umgebung in ein unwirkliches Rot. Ob unser Spinat wohl der Zubereitung oder der phantastischen Umgebung wegen so kostlich schmeckte?

Text? Fur die Besichtigung der Schlucht nahmen wir uns am darauffolgenden Tag reichlich zeit. Nach einma gemutlichen Kaffee fuhren wir los. Der Karte konnten wir entnehmen, dass wir wahrend den nachsten 30km der ardeche entlang fahren werden. Da ein Fluss niemals aufwarts fliesst, glaubten wir, einen gemutlichen Tag vor uns zu haben. Doch weit gefehlt! Schon nach wenigen Kilometern hatten wir einen happigen Anstieg zu bewatligen. Kaum waren wir, vollig ausser Atem, oben angekommen, ging es wieder runter, und kaum unten, wieder hoch ? nichts war mit Fluss abwarts fahren! Doch wurden unsere Anstrengungen mit tollen Blicken uber die schlicht grandiose Ardecheschlucht belohnt. Nach jeder Wegbiegung prasentierte sich der Fluss in vielleicht 300m Tiefe von einer neuen, majestatischen Schonheit. Unser vorteil war naturlich, dass wir ohne Probleme an jeder beliebigen Stelle anhalten konnten, wahrend die Autos in einem fur uns horenden Tempo an uns vorbei sausten. Als die Sonne sich schon wi eder gegen Westen zu wandte kamen wir durstig und voller neuer Eindrucke am Ende der Schlucht an. Wir kauften unser Abendessen und nach einer kostlichen Glace begaben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten nachtlager, als uns plotzlich einfiel, dass wir total vergassen, unsere tagliche Weinration zu kaufen. Doch da wir seit Murten jeden Tag durch seinbar endlose Rebberge fuhren, war die Beschaffung kein grosseres Problem. Und da fiel uns plotzlich d e r Plan ein: beim nachsten Weingut gehen wir hin, fragen um eine Degustation, kaufen eine Flasche Rotwein und fragen nur so nebenbei, ob es da in der Nahe nicht eine Campingmoglichkeit gabe. Gesagt ? getan, und unser Plan traf mitten ins Schwarze. Im Garten wurde uns ein Platz zugewiesen und so genossen wir den erstandenen Wein in unmittelbarer Nahe der Reben, von wessen Trauben er gefertigt wurde.

Da wir in der ersten Woche unserer Veloreise sehr gut vorwarts gekommen waren, beschlossen wir, die stark befahrenen Strassen zu verlassen, auf kleine Wege auszuweichen und einen Abstecher nach Avignon zu machen. Eine Entscheidung, die sich als sehr lohnenswert herausstellte. Erst einmal fuhrte uns der Weg eine lang geschwungene, stetig bergwarts fuhrende, von Eichenwald gesaumte, total unbefahrene Strasse entlang, die uns auf ein Hochplateau brachte. Oben angekommen, sahen wir die ersten Gewitterwolken aufziehen, die uns aber nicht davon abhielten, das kleine Stadtchen Usez anzupeilen. So erreichten wir mit den ersten Regentropfen die Stadt. Wir setzten uns in ein Strassencafé und bestellten ein Cappuchino. Doch noch bevor wir das Cappuchino erhalten konnten, began ein Sturm zu wuten, der alles nieder warf und mit sich riss, was nicht niet und nagelfest im boden verankert war. Roger klappte die Sonnenschirme zusammen, die es ihm fast aus den Handen riss und ich schnappte mir e in Servierbrett und versuchte das noch nicht von den Tischen geblasene Geschirr zu retten. Unser Cappuchino aber bekamen wir nie mehr zu sehen...

Text? Als sich der Sturm gelegt hatte fuhren wir noch uber die vom Regen nassen Strassen in Richtung Avignon. Zu unserer Freude lag da genau auf unserem Weg der Pont du Gare. So radelten wir, vorbei an vom Sturm abgebrochenen Asten und geknickten Baumen, zu diesem von den Romern erbauten Aequidukt, welcher die Wasserversorgung der Stadt Nimes in der damaligen Zeit gewahrleistete. Als wir beim Pont ankamen, lockete sich auch langsam die Bewolkung wieder auf, so dass wir dieses grossartige Bauwerk in einer rotlichen Abendsonne bewundern konnten. Doch bald darauf mussten wir uns schon wieder um ein billiges und konfortables Nachtlager umschauen. Bald entdeckten wir etwas abseits der Strasse einen versteckt gelegenen Olivenhain, der uns richtiggehend zu einer Ubernachtung einlud. Text? So verbrachten wir also diese Nacht an einem weiteren wunderschonem Ort. Es sollte nicht der letzte sein.

Als uns am nachsten Morgen die Sonnenstrahlen durch die Olivenblatter hindurch aus dem Schlafsack holten, entschieden wir uns, noch vor dem Morgenessen nach Avignen zu fahren. Wir wolltenvor dem ehemaligen Papstpalast unser Morgenessen geniessen. Doch unterschatzten wir etwas die Distanz und so fuhren wir mit leeren Magen ganze 25km weit, bis wir endlich zu unserem morgendlichen Baguette kamen. Nach einem langeren Aufenthalt in der Stadt, fuhren wir im Verlaufe des Nachmittags weiter nach Beaucaire und Arles. Nach avignon, welches uns durch seine Geschichte sehr in seinen Bann zog, waren dies zwei Orte, die wir in ganz unterschiedlicher Erinnerung behalten werden. Von Beaucaire hatten wir beide noch nie etwas gehort. Dennoch beschlossen wir, da einen kleinen Zwischenstopp einzulegen. So fuhren wir durch das traditionell erhaltengebliebene Stadtchen mit seinen schmalen Gassen zum Schloss, welches in einem sehr guten Zustand hoch uber der Stadt tront. Wir fanden es bemerkenswert,  wie sich dieses Stadtchen nicht fur den Tourismus total verandert, sondern seine naturliche Schonheit beibehalt. Etwas, das wir von Arles nicht sagen konnen. Obwohl, oder gerade dadurch, dass es viel bekannter ist als Beaucaire, hat sich das Stadtbild vollig dem Tourismus angepasst. Dabei ging der wohl dagewesene ursprungliche Charme verloren. Nur das Coliseum wiederspiegelt noch etwas die Zeit, als der Tourismus noch nicht Einzug hielt.

Nach 794.5km war es dann so weit ? bei le Grau du Roi erreichten wir das Mittelmeer. Wahrend der Fahrt durch die Camargue blies uns der Wind stetig entgegen, wie um uns noch etwas langer an Land zu behalten. Als ob er wusste, dass die Landmasse uns schon bald fur lange Zeit an das Meer verlieren wird. Da sahen wir sie also, diese endlos scheinende blaue Masse, welche ab Barcelona unser stetiger Begleiter sein wurde. Jetzt freuten wir uns, das Meer zu sehen. Doch wird dies nach unserer 20Tage dauernder Uberfahrt nach Arbentinien noch immer so sein?

Am Meer lernten wir dann auch eine unangenehme Seite unserer Reise kennen. Als wir eines Morgens aus dem Zelt krappelten, bemerkten wir, dass das Zelt eine merkwurdige Form hatte. Als es dann plotzlich knackte, entdeckten wir das Problem ? von unseren drei Zeltstangen waren zwei gebrochen! Was nun? Das Zelt war total neu, kaum gebraucht und hatte bis jetzt weder Regen noch starken Wind zu uberstehen. Also fuhren wir ziemlich genervt nach Cap d'Agde, von wo wir mit dem Sportgeschaft in der Schweiz Kontakt aufnahmen. Die Telefonberatung war ausgezeichnet. Uns wurde versprochen, dass die neuen Stangen so schnell als moglich nach Barcelona geschickt werden. Ausserdem fanden wir heraus, wie wir die beiden kapputen Stangen reparieren konnten, so dass unser Problem gelost und der Tag gerettet war und wir uns ein Bad im Meer gonnten. Der Strand war eigentlich recht schon, doch vor lauter halb nackten Leibern, die sich in allen moglichen Positionen am Strand breit machten, um auch das l etzte Dtuck Haut einheitlich braun zu kriegen, kaum mehr zu sehen. Roegu fasste unsere Eindrucke treffend zusammen: ?Hier wird das Meer regelrecht vergewaltigt!?

Von manchen Leuten wurde uns empfohlen, einen Abstecher nach Carcassonne zu machen. Die Stadt soll wahnsinnig eindrucklich sein, und so nahmen wir diesen Umweg in Kauf und radelten dort hin. Die Vorfreude war gross, doch als wir die Stadt erreichten, trafen wir eine ganz gewohnlichefranzosische Stadt an. Nicht einmal der Hauptplatz hatte einen Ausflug dorthin gerechtfertigt! Ganz enttauscht wollten wir die Stadt schon verlassen, als sich plotzlich vor uns ein atemberaubendes Bild prasentierte: hoch auf dem Hugel erhob sich die mittelalterliche Cité mit seinen marchenhaften Turmen und der umliegenden Schutzmauer. Begeistert begaben wir uns in diese geschichtstrachtige Stadt und malten uns aus, wie sich wohl vor hunderten von Jahren das Leben in diesen Mauern abgespielt haben muss. Wir sahen Manner mit langen Barten in Ritterrustungen die Gassen entlang gehen, Frauen vor den Hauseingangen an ihren Webstuhlen sitzenund Kinder, die dazwischen ihre Spiele spielten. Als sich die Nach t langsam uber die Stadt legte, kletterten wir auf die Stadtmauer und bereiteten vor dieser majestatischen Kulisse unser Nachtessen zu. Es schmeckte wieder einma kostlich, obwohl wir nur Teigwaren mit Fertigsauce assen. Nach diesem wunderbaren Tag stellten wir nun auch hochste Anforderungen an unser Nachtlagen. Was wir fanden, ubertraf wieder einma alles. Mitten in einem Rebberg fanden wir einen Platz, der uns Sicht auf die in der Nacht beleuchtete Cité bot. Herrlich!

Dann passierte das, wovor wir uns vor der Reise am meisten gefurchtet hatten. Bei Rogus Velo knackte es plotzlich und als wir uns das Ubel anschaute, trauten wir unseren Augen nicht ? der ganze hintere Kettenwechsel hing in den Speichen! An ein Weiterkommen war nicht mehr zu denken. Glucklicherweise befanden wir uns gleich in der Nahe eines Weinguts, wo wir im Garten unser Zelt aufstellen durften. Am nachsten Morgen wurden wir vom Grossvater und dessen Freund, beides ehem. Franz. Marineoffiziere(!!), mit dem Auto nach Perpignan gefahren, wo wir versuchten, das Problem zu beheben. Ein geeignetes Ersatzteil war aber nicht aufzutreiben, so dass wir schon wieder auf Hilfe aus der Schweiz angewiesen waren. Und auch dies klappte hervorragend, do dass wir in Barcelona ein weiteres Packet entgegen nehmen durften. Doch die Strecke nach Barcelona konnte Rogu nur noch im Zug zurucklegen, so dass ich mich alleine auf die letzten Kilometer nach Barcelona machte. Wir versuchten zwar das Velo  zu reparieren, indem wir die Kette verkurzten und fix auf ein Ritzel spannten. Doch da die Kettenspannung nicht genugend gross war, verklemmte sie sich des offtern, so dass wir bald einsehen mussten, dass der Weg bis Barcelona so nicht zu schaffen war.

Wahrend Rogu das letzte Stuck der Europareise leider im Zug zurucklegen musste, fuhr ich nach am Tag unserer Trennung weiter. Bis zur spanischen Grenze war es nicht mehr weit, so dass ich diese noch am selben Abend erreichte. Schon einige Meter vor dem Grenzposten kundigte sich Spanien mit ?Cambio ? Change ? Exchange ? Geldwechsel?-Schlider an, was im heutigen Euroland naturlich etwas veraltet wirkte. Auch der Grenzposten besteht nur noch aus einem verlotterten Hauschen mit kapputen Fenstern und abgeschnittenen, aus den Wanden ragenden Kabel. Text? So sah auch niemand, dass ich gleich neben diesem verlassenen hauschen die Strasse verliess, um mir genau auf der Landesgrenze einen Schlafplatz zu suchen ? den ich auch fand. Genau auf der imaginaren Grenzlinie legte ich mich zum schlafen. Links sah ich die Lichter vom franzosischen Cerbere, rechts diejenigen vom spanischen Portbou, und auf beiden Seiten fielen die Felsen steil ins Meer hinab. Die kuhle Meeresbrise diente als Ventilator u nd die Morgensonne ubernahm die Rolle des Weckers.

So stand mir also noch die letzte Etappe bevor. Da ich nun alleine unterwegs war und sich das Ziel schon in Griffnahe befand, wollte ich nur noch eins ? nach Barcelona.

Chrigu
Barcelona, Spanien