18 November 2003 - Comodoro Rivadavia, Argentinien

Hallo Freunde

Nun bin ich schon mehr als eine Woche alleine unterwegs und konnte meine ersten Erfahrungen als alleine Reisender machen. Und es waren gute Erfahrungen! Bis jetzt habe ich unseren Entscheid alleine zu reisen, noch nie bereut. Im Gegenteil ? ich sehe immer wie mehr, dass dies vielleich die einzige Moglichkeit ist, eine solche Reise in vollen Zugen zu geniessen.

Nicht selten passierte mir in den letzten Tagen, dass irgend ein Auto stoppte und mich nach meinem Ziel fragte. Wir sprachen eine Weile zusammen und ohne zu fragen, ob sie mich nicht ein Stuck im Auto mitnehmen sollen, fuhr kein Auto davon!

Text? Alleine unterwegs zu sein, konnte man sich als sehr langweilig vorstellen. Alleine auf der Strasse, alleine im Zelt und alleine im Restaurant. Doch so ist es nicht. Als ich vor enigen Tagen das Naturreservat Cabo dos Bahias besuchte, ging ich im dortigen Restaurant etwas trinken. Kaum sass ich am Tisch kam der Besitzer und wir sprachen lange zusammen. Anschliessend setzte sich eine Familie an den Nachbartisch und plotzlich sprach das ganze Restaurant miteinander. Vom Restaurantbesitzer erhielt ich gratis ein Essen serviert und die Familie lud mich zu sich nach Comodoro Rivadavia ins Haus ein. Da bin ich nun angekommen, nach weiteren funf Tagen auf der Strasse ? habe mein Bett, die Mutter kocht mir kostliches Essen, wascht mir die Kleider und ich brauche ihren Compi!

Alleine auf der Strasse bin ich auch nie. Einer ist immer mit mir ? der Wind! Wenn ich gegen Westen fahre, blast er aus Westen, wenn ich gegen Suden fahre, kommt er aus Suden und wenn ich ostwarts strample, dreht er sich und kommt aus Osten. Die letzten Tage waren die Holle! Drei Tage windete es ununterbrochen und immer in die falsche Richtung. Beim Sturm Lothar Ende 99 windete es in der Schweiz kraftig, doch hier in Patagonien hat es jeden Tag Lothar! Doch da weit und breit kein Baum wachst, kann dieser ewige Wind auch keinen Schaden anrichten. Nur meine Psyche wird etwas strapaziert...

Vor einer Woche fuhr ich nach Cabo Raso, ein verlassenes Dorf direkt am Meer, wo noch genau eine Person wohnt. Es war Mathias, ein 18jahriger Jungling. Text? Ich fragte ihn, ob ich in der Nahe seines Hauses mein Zelt aufschlagen durfe und er wies mir ein ehemaliger Stall zu, wo ich mich einrichten konnte. Als ich mich zu ihm ins Haus setzte, bereitete er mir ein kostliches Mittagessen zu und wir sprachen lange zusammen. Zum Beispiel daruber, dass er vor einem Jahr einen andern Jungling mit dem Messer lebensgefahrlich verletzt habe, da dieser seinen Kollegen niedergestochen habe, und dafur drei Monate hinter Gitter sass. Er konne sich drum ab und zu nicht mehr kontrollieren und da geschehe dies nun halt mal... Wir wechselten das Thema und er fragte mich den Preis meiner Shimano-Fahrradschuhe, eine Schuhmarke die er, wie ich dachte, sicher nicht kennt. Um ihn mit dem fur ihn horenden Preis nicht zu erschrecken, sagte ich etwa die Halfte dessen was ich wirklich bezahlt habe. Da meinte er, dass solche Schuhe in Argentinien aber viel teurer seien, ob ich dann sicher sei, dass dies der wirkliche Preis sei. Klar war es nicht der richtige Preis und so wechselte ich wieder das Thema ? ich wollte ja nicht, dass er sich plotzlich nicht mehr kontrollieren kann...

Am Nachmittag ging ich auf einen kleinen Spaziergang und als ich wieder zuruck kehrte, was Mathias nicht mehr da. Im Haus lautete ein Wecker und die Ture war mit einem Schloss abgeschlossen. Doch von meinen Sachen fehlte nichts. Ich kochte mir mein Abendessen und setzte mich vor den Stall, wo ich freie Sicht auf das Meer hatte. Im Meer spiegelte sich der Vollmond, der aber zu einem Teil mit Wolken bedeckt war. Nachdem ich mein Cafewasser gekocht hatte und wieder raus ging, waren mehr Wolken aufgezogen und plotzlich war schon von der Halfte des Mondes mit Wolken bedeckt. Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, dass dies eine Mondfinsternis ist!! Ich kam mir vor wir ein Eingeborener, der keine Ahnung hat, was um ihn herum geschieht und zu verstehen versucht, was unglaubliches in der Welt passiert.

Etwas fur uns Schweizer unvorstellbares sind die patagonischen Distanzen. In Camarones erkundigte ich mich bei der Polizei uber die weitere Strecke, ob ich damit rechnen kann, ab und zu auf eine Estancia treffe, um meine Wasserflaschen nachzufullen. ?Hay muchas estancias?, es habe viele Estancias meinte der Polizist, ?cada diez, quinze kilometros hay una!?, alle zehn, funfzehn Kilometer habe es eine! Muchas?! Die Wirklichkeit war, dass ich auf meinen nachsten 80km an genau zwei Estancias vorbei fuhr?

Text? So passierte es, dass ich eines Tages mitten in dieser Einode kein Wasser mehr hatte. Hauser hatte es weit und breit keine. Nur in der Ferne sah ich zwei Antennen in den Himmel ragen. Ein Zeichen dafur, dass es Leute und somit auch Wasser hat. Ich hatte Gluck und traf auf Fernando, der fur sich und zwei Kollegen einen Asado machte. Argentinier wie er ist lud er mich zum Mittagessen ein und ich verspies zusammen mit ihnen kostliches Fleisch. Leider waren die drei nur den Nachmittag durch bei diesen Antennen am Arbeiten, so dass sie mich durch die Nacht alleine zuruck liessen. Doch es waren die Adressen drei bis funf die ich von Comodoro Rivadavia erhiel, wo ich fur ein Nachtlager hatte anklopfen konnen...

Nun geniesse ich noch einige Tage dieses hervorragende Haus, wo ich, wie sie mir sagten, bleiben konne, ?hasta quando quieres?, bis wann ich wolle. Ich profitiere vom Luxus einer taglichen Douche, von elektrischem Licht und vier mich vor dem Winde schutzenden Wanden, bevor ich mich bald wieder auf die Strasse begebe. Ushuaia liegt noch 1500km entfehrnt ? nach den nun schon 4000km einen Katzensprung...

Chrigu
Comodoro Rivadavia, Argentina