1 Februar 2004 - Calafate, Argentinien

Hallo Freunde

Text? Wie schoen ist es doch nach einigen Tagen draussen in den Bergen hier in Calafate anzukommen! Es gibt ja viele Leute, die hier hin reisen. Einige kommen im Flugzeug, andere im Bus, wieder einige im Auto oder mit einem Moto und ein paar fahren sogar mit dem Fahrrad hier hin. Doch auf dem Weg, welcher ich gewaehlt habe, sind wohl noch keine tausend Leute hier hin gelangt. Rulo fuhr nicht hier hin - ich musste ihn stossen, manchmal tragen und einige Male mussten wir sogar schwimmen.... Doch dazu spaeter.

Text? Auf dem Weg nach Puerto Natales traf ich zwei Fahrradfahrer. Nicolas aus Frankreich und Steve aus den USA. Ich konnte sie von meiner Route nach Calafate ueberzeugen und so machten wir uns fuer einige Tage in der Natur parat. Als wir das Hotel verliessen und per Zufall eine Waage fanden, stellte ich mit Schrecken fest, dass mein lieber Rulo mit Gepaeck ganze 65kg wiegt! Ich hatte Essen fuer die naechsten sieben Tage dabei und so fuhren wir los. Bald gings weg vom Teer, ueber Schotterstrasse durch Waelder und an Seen entlang. Bald aber hoerte die gute Strasse auf und das Geholper begann. Aufwaerts mussten wir schtossen und runter so stark bremsen, dass die Felgen warm wurden. Und ploetzlich fiel eine meiner Vorderradtaschen ab, kam mir in die Speichen und dabei verkruemmt sich mein Vorderradgepaektraeger. Scheisse! Doch mit Felsen und Steinen bog ich ihn wieder zurecht und weiter ging es. Nicht weit, denn nach wenigen Meter streifte etwas am Hinterrad. "Die Taschen", dachte ich, "oder ein Baendel des Rucksackes". Doch es war was anderes. Der ganze Gepaecktraeger hing uebers Rad runter. Wieder Scheisse - doppelte Scheisse! Zuerst meinte ich, dass der Gepaecktraeger gebrochen sei. Doch dann stellte ich fest, dass eine Schraube fehlte und sich so zwei Staebe aus der Verankerung geloest haben. Da war das Problem. Ich flickte es, die Scheisse war gegessen und weiter ging es.

Text? Ueber einen Hintereingang fuhren wir dann in den Parque National Torres del Paine, so dass wir um den Parkeintritt rum kamen. Dieser Nationalpark ist schlichtweg spektakulaer! Die gruenen , blauen und grauen Seen! Ueberall Fluesse mit Wasserfaellen! Gletscher und im See davor riesige Eisschollen! Und das Gebirge! Die Alpen sind ja wahnsinnig schoen - doch was ich hier sehen durfte war es auch! Da gibts die Cuernos del Paine - riesige Steinhoerner, die karg in den Himmel ragen und daneben die Torres del Paine - drei imense Steintuerme, die aus dem Gebirge in den Himmel schiessen. Text? Es war schlicht wunderbar in dieser Landschaft mit dem Fahrrad unterwegs sein zu duerfen! Das einzige, was mich etwas stoerte, waren die tausenden von Bustouristen, die wie Tiere in diesen Park gekarrt werden. Alle gaffen sie (sofern sie nicht gleich schlafen) aus ihren fahrenden Gefaengnissen und staunen nicht schlecht, wenn sie an einem schwitzenden Fahrradfahrer vorbei flitzen.

Im Anschluss an den Park entflohen wir definitiv den Touristenmassen. In meinem Fahrradhandbuch war eine Route beschrieben, die ueber einen Pass direkt nach Calafate fuehrt. Anstatt 300km durch die Pampa seien es nur 80km. Bei Text? der chilenischen Polizeistation erhielten wir dann auch nach langem Gerede die Ausreisestempel und so machten wir uns auf. Zuerst war es noch flach, dann begannen die ersten Steigungen, spaeter wurde aus dem Weg ein Pafd, der ploetzlich vor einem Bach stoppte. Wir zogen die Schuhe aus, trugen unsere Velos rueber und weiter ging es. Doch nun war schieben angesagt. Es ging durch stachliger Bueschelgras, ueber Hochmoore und unzahlige Male durch den Bach. Die Schuhe zog ich schon bei der zweiten Bachdurchquerung nicht mehr aus und sowieso wollte ich nur noch eines - zu diesem im Buch beschriebenen Haeuschen, welches ploetzlich hinter einem Huegel auftauchte. Zu unserem Erstaunen war die Tuere offen, doch niemand hier. Text? So machten wir Feuer, richteten uns ein und bedienten uns sogar an den reichlich vorhadenen Kartoffeln, als ploetzlich der im Haus wohnhafte Gaucho angeritten kam! Wieder einmal Scheisse! Doch anstatt sich zu wundern, was da drei Touristen in seinem Haus machen, war er besorgt um sein Fohlen, dass er den ganzen Tag vermisst hat und war nun uebergluecklich es hier um das Haus wieder zu finden. Ich erklaerte ihm unser Anliegen und ich hatte den Eindruck, dass er unsere Gesellschaft noch ganz schaetzte.

Text? Am naechsten Tag stand uns die Passquerung bevor. "Locker" dachte ich, "am Abend gehts auf ein Bier in Calafate!", und so liess ich die andern beiden erst einmal los marschieren, waehrend ich am Talrand einen Berg hoch kraxelte. Ich bin doch nur einmal in meinem Leben hier und so will ich doch auch von oben sehen, wo ich da bin! Die Aussicht war dann leider nicht das Erwartete und so begann auch ich vier Stunden nach den andern beiden mit der Passquerung. Es ging weiter wie es am Tag zuvor geendet hatte - stossen. Am Abend stellte ich dann fest, dass ich an diesem Tag keinen einzigen Meter auf dem Sattel gesessen bin!

Text? Wieder querte ich einige Male den Bach, watete durch Suempfe, als ich um die Flussbiegung rum sah und den Pass vor mir erblickte. "Der Pass ist von unten nicht als solcher zu erkennen" steht in diesem Velohandbuch geschrieben und so war es auch - vor mir ragte eine Felswand empor! Bis zur Vegetationsgrenze kam ich noch so einigermassen mit schieben, zurren und ziehen vorwaerts. Doch als ich ins lose Geroell kam war es aus! Ich machte zwei Schritte vorwaerts, hob Rulo mit den nun sicher noch 50kg Gepaeck ein paar Meter hoch und ruhte eine Minute aus. Ich sah den Pass vor mir, hatte die andern beiden noch nicht eingeholt und wusste, dass sie es geschafft haben. Dies gab mir Kraft, ich zog, zerrte, hob, stiess, gab einfach alles, so dass ich nach 3.5Std total fertig auf dem Pass ankam. Geschafft!! Als Belohnung durfte ich mein sechs Tage altes Brot mit Buechsenfisch essen.......

Text? Die Schwerkraft half mir dann sehr um auf der andern Seite runter zu kommen. Die Bremsen waren dauerbelastet und mit dem Geroell und dem Sand zwischen Bremsbacke und Felge wirkten sie wie Schmiergelpapier, so dass sie meine Felgen total zerfrassen. Im Tal angekommen war ich total auf dem Hund, hatte hunger und meine Schuhe waren nass. Doch ich meinte noch heute Calafate erreichen zu koennen und lief weiter. Als ich aber bald einmal auf die andern beiden stiess zoegerten wir nicht lange, machten dieser Tortur ein Ende und schlugen unser Zelt auf. Zum Z'nacht gab es Spaghetti mit Paeckchensuppe als Sauce. War auch gut, stoppten wir fuer die Nacht. Heute fuhren wir noch einmal knapp 50km, wovon wir die ersten 10km am stossen waren und die naechsten 10km im Text? Schritttempo auf einem Trampelpfad dahin tuckerten. Gestern waere das unmoeglich zu machen gewesen. So konnten wir heute in ruhe die Landschaft geniessen. Spaktakulaer! Unglaublich! Einfach herrlich! Und der Gedanke daran, dass all die Kuoni und Helvetictours Touristen dieses Tal nie zu Gesicht bekommen werden, machte die Landschaft noch einmal ganz viel spezieller!

Nun sind wir drei hier in Calafate angekommen, kippten das mit Freude erwartete Bier und goennten uns einen Kuebel Glace. Das noch fast groessere Abenteuer als die Passquerung koennte nun der Einreisestempel nach Argentinien sein. Da wir auf einem nicht-erlaubtem Grenzuebergang ins Land eingereist sind, koennen die Polizisten hier uns diesen Stempel nicht geben. Nun sollen wir bei der Ausreise vorerst den Einreisestempel kriegen und dann mit dem Ausreiesestempel ausreisen. Auf einem kleinen Papier haben wir so was wie eine Bestaetigung. Doch wer weiss, ob diese Bestaetigung uns dann auch wirklich weiter bringen wird.... Sonst rede ich halt ein paar Minuten mit den Leuten und dann geht es wohl schon.

Text? Morgen fahre ich nun zum Perito Moreno Gletscher. Alleine. Die andern beiden haben genug von meinen Abenteuer- passueberquerungen und wir werden uns wieder trennen. Es war eine schoene Zeit zu dritt zu reisen. Doch nun freue ich mich auch wieder auf eine Zeit alleine. Mal sehen. Es wird weiter gehen. Zwar zur Zeit mit schweren Beinen und Rueckenschmerzen, doch mit so vielen schoenen Erlebnissen, dass es mich wieder weiter zieht. Moeglichst bald wieder abseits der Touristenstroeme...

Gruss Chrigu
El Calafate, Argentina