31 Dezember 2005 - Granada, Nicaragua

Hallo Freunde

Gespannt ging ich die letzte Woche jeweils ins Internet und oeffnete meine Mails. Mein letztes Massenmail ging vielen Lesern tief. Ich bekam tolle Antworten von Leuten, die durch meine Zeilen zum Nachdenken angeregt wurden. Gerne wuerde ich mich nun mit euch allen in lange Diskussionen verstricken. Dies muessen wir aber wohl auf einen spaeteren Zeitpunkt verschieben.

Auch ich denke immer wieder an meinen "Wutausbruch" zurueck. Es war einfach zuviel, was ich da zu sehen bekam! Eigentlich haette ich solche Missstaende ja auch schon anderswo sehen koennen. Auch in der Schweiz, auch in Europa und Suedamerika herrscht ein Kraefteungleichgewicht sondergleichen. Was fuer mich das Fass zu ueberlaufen brachte, war das nahe beisammensein dieser beiden extreme dort an den Straenden in Costa Rica. Ich hielt diese soziale Spannung fast nicht mehr aus.

Text? Ich verbrachte meinen Weihnachtsabend wie geschrieben alleine am Lago Arenal. Ich fand einen Zeltplatz in wenigen Metern Entferunung vom Wasser. Dort kochte ich mein Gemuesereis, ass Erdnuesschen und trank Wein. Es war echt gemuetlich. Friedlich. Die Grillen zirpten, die Froesche quakten, des Wasser wellte und die Sterne glaenzten. Dort fand ich den Weihnachtsfrieden, von dem uns immer wieder erzaehlt wird. Dort ist er zu finden, dort in der Natur, und nicht in den uebervollen Kaufhaeusern!

Am andern Seeende ragte majestaetisch der Vulkan Arenal in den Himmel. Er ist ein aktiver Vulkan. Immer wieder spuckt er Steine und Geroell aus. Man soll bei Nacht sogar die gluehenden Steine ueber die Vulkanflanken herunterrollen sehen. So freute ich mich auf ein weihnaechtliches Privatfeuerwerk. Daraus wurde leider nichts. Ich war wohl noch zu weit vom Vulkkan entfernt.

Text? Als ich am 25. am Fusse des Vulkans vorbei fuhr, roch ich waehrend Kilometer einen Schwefelgeruch. Von Zeit zu Zeit donnerte es und ich sah Gesteinsbrocken den Vulkan herunter kollern und Staub aufwirbeln. Lange schaute ich aus der Ferne diesem Naturspektakel zu.

Nun bin ich nach einem Monat in Costa Rica schon wieder raus aus dem Lande. Am Donnerstag erreichte ich Nicaragua.

Die Grenze. Ich musste bezahlen um ueberhaupt ins Land einreisen zu koennen. Es herrschte eine ungemuetliche Hektik, wie dies an so vielen Grenzen der Fall ist. Es wird Handel betrieben und es geht ums liebe Geld.

Landschaftlich aenderte sich vorerst nicht viel. Die Baeume waren weiterhin gruen, der Himmel immer noch blau, die Luft scheinbar unsichtbar und die Gegend huegelig. Wieso nun also genau an dieser Stelle eine Grenze errichtet wurden musste, schien mir fraglich. Eine Frage, die ich mir schon an so vielen Grenzen stellte.

Einen markannten Wechsel stellte ich aber schon bald im Leben der Leute fest. Text? Ploetzlich fuhren wieder Ochsenkarren am Strassenrand entlang! Alle paar Meter hatte es Fruchtstaende. Die Leute fuhren Fahrrad oder ritten auf ihren Pferden, Maultieren und Eseln. Alle ging ploetzlich etwas gemaechlicher zu und her. Alles schien traditioneller. Mir gefiel dieses Leben sofort.

Costa Rica sei ein zivilisiertes, ein fortschrittliches Land. Autos donnern duch die Strassen, gegessen wird in Fast-Food Ketten, die Staedte besitzen keinen alten Kern und die Leute richten sich nach dem westlichen Lebensstil aus. Wenn dies Fortschritt und Zivilisation ist, dann will ich weder Fortschritt noch Zivilisation!

In Rivas fand ich (wie so oft) ein Schlafplatz bei der Feuerwehr. Ich traf Vater und Sohn Julio Arias. Durch sie beide erfuhr ich ein erstes Mal etwas zur Geschichte Nicaraguas und wie wohl das Leben hier im Lande waehrend den letzten Jahren gewesen sein muss.

Von Daniel Ortega wurde erzaehlt. Er war in den 80er Jahren Praesident. Unterstuetzung erhielt er von der komministischen UdSSR und Cuba. Das Leben war sehr eingeschraenkt. Alle Laeden schlossen und die Essmittel wurden rationiert. Viele Leute verschwanden. Jugendliche wurden direkt von anscheinend fuer sie organisierten Festen abgefuehrt. Viel wurden nie mehr gesehen. Fuer den Kommunismus hatte Julio Arias, der Feuerwehrkommandant, nicht viele gute Worte uebrig.

Ja wenn das der Kommunismus ist - dann ist es dies natuerlich auch nicht. Das wusste ich ja auch schon zuvor. Er hat nicht funktioniert.

Im anbrechenden Jahr hoffe ich nach Cuba reisen zu koennen. Vom ueberreichen Cancun will ich nach La Havanna gelangen. Ob es mir dort wohl ein weiteres Mal zu viel des Guten werden wird? Vom Turismusmekka direkt rein ins scheinbar immer noch kommunistische Leben Cubas....

Diesen Fehler scheine ich auf meiner Reise eben zu begehen. Ich bewege mich auf einer Gratwanderung zwischen zwei Welten.

Schlafe ich eine Nacht in einer dreckigen Abstellkammer, werde ich die folgende Woche in ein 4-Stern-Hotel eingeladen.

Ich fahre auf wenig befahrenen Landstrassen und steuere absichtlich die ueberlaufenen Turistenorte an. Ich will das Leben auf dem Lande wie auch in den grossen Megastaedten sehen.

Meine Kindheit verbrachte ich ausschliesslich in der Schweiz. Seit nun fast schon 2½ Jahren reise und lebe ich in Lateinamerika. Welches Leben kenne ich nun besser? Oft muss ich echt ueberlegen, wenn ich nach Sachen aus meinem Heimatland gefragt werde und es wuerde mir fast einfacher fallen, zu den lateinamerikanischen Verhaeltnissen Auskunft zu geben.

In einer meiner Satteltaschen liegt meine Visakarte und ich verdiene mir mein Geld auf der Strasse mit mit dem Verkauf meiner kleinen Drahtvelos. In der Schweiz koennte ich in kurzer Zeit eine Menge Geld als Primarlehrer verdienen. Hier sitze ich mir nun mein Arsch wund.

Doch gefaellt mir dieses Vagabundenleben je laenger je mehr. Sitze ich dort am Boden, komme ich mit den verschiedensten Leuten in Kontakt. Die Gespraeche sind oft lang und handeln um Gott und die Welt. Nicht selten kamen so ganz interessante Diskussionen zustande.

Text? Neben mir mein vollbepackter Hermes. Vor ihm die Suedamerikakarte. Darauf einen Zeitungsausschnitt mit einem grossen Interview mit mir. Kaum beginne ich jeweils zu biegen, kommen auch schon die ersten Leute vorbei. Die Veloelis verkaufe ich immer zum Preis eines Mittagessens des jeweiligen Landes, wo ich mich gerade aufhalte. In Costa Rica ist das Leben teuer: ich verlange mehr. Hier ist es billig: ich kassiere weniger.

Durch diesen Veloeliverkauf verdiene ich mir gerade genuegend Geld, um damit meine ganze Reise zu finanzieren. Seit Wochen habe ich kein zusaetzliches Geld gebraucht. Habe ich nach einem erfolgreichen Tage den Geldbeutel voll, so goenne ich mir ein Bier. Neigt sich das Geld dem Ende zu, esse ich Brot.

Ich verdiene gerade so viel Geld, wie ich zum Leben noetig hat. Wie viel Geld habe ich also noetig? Was brauche ich zum leben?

Somit ist das eingenommene Geld das eine. Viel wichtiger sind fuer mich aber die Gespraeche. Es machte mir richtig Freude, dort zu sitzen und zu reden. Die Leute hoerten mir oft mit Interesse zu. Einmal, als ich von meiner "Arbeit" aufblickte, zaehlte ich nicht weniger als 20 Leute, die um mich herum standen und mir beim biegen der Veloelis zuschauten. Ist dies nicht irgendwie verrueckt!?

Meine Veloelis verstreuen sich langsam ueber die ganze Welt. In Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Panama, Costa Rica, Nicaragua, USA, Kanada, den Bermudas, Daenemark und der Schweiz stehen sie schon irgendwo rum. Ich hoffe, dass nicht nur das Objekt sich auf der ganzen Welt verstreut, sondern auch ein paar meiner Gedanken bei den Leuten angekommen sind.

Waehrend ich hier dieses Mail schreibe, knallen bei einigen von euch sicher schon die ersten Korken. Bevor ich auch zu meinem Neujahrstrunk komme, werde ich mich noch einmal auf die Strasse setzen. Der Geldbeutel soll sich noch etwas fuellen, dass auch ich heute Abend etwas feiern kann.

Ich wuensche euch allen ein gutes und zufriedenstellendes neues Jahr. Auf dass das neue Jahr besser wird als das vergangene!

Ich gehe bald wieder auf meinen Weg - meinen Weg der Meditation. Auf dem Velo mache ich mir immer die klarsten und gleichzeitig wildesten Gedanken. So wie die Pedale und die Raeder staendig kreisen, kreisen auch meine Gedanken im Kopf. Nicht nur Hermes und mein Koerper sind in staendiger Bewegung. So sind auch meine Gedanken.

2006 wird fuer mich noch einmal ein Reisejahr. Meine Plaene? Ich moechte per Segelschiff den Atlantik ueberqueren und so zurueck nach Europa segeln. Der Wind und die Meeresstroemungen sind dafuer von Maerz bis Mai am besten. Somit habe ich vor, im Maerz 07 Florida oder irgend einen Hafen an der Ostkueste der USA zu erreichen und dort eine Segelschiff-Mitfahrgelegenheit zu finden. Auf ein nicht all zu baldiges Wiedersehen!

Mit den besten Neujahrswuenschen
Euer Chrigu
Granada, Nicaragua