25 Februar 2005 - Cuzco, Peru

Hallo Freunde

Mit Freude durfte ich in den letzten Monaten erfahren, dass von vielen Leuten meine Mails mit Interesse gelesen weden. So wage ich es nun, in aller Laenge und Ausfuehrlichkeit die letzten fuenf Wochen zu schildern. Und wie immer gilt ja - wer's nicht lesen will, der soll's doch sein lassen.....

Meine Zeit in Arequipa ist zu Ende, meine Finger sind aufgetaut - ich bin wieder unterwegs. Heute bin ich in Cuzco angekommen. Eine faszinierende Stadt! Unglaublich, welche architektonische Kunst die Inkas an den Tag legten. Riesige Steine sind in einer Perfektion gefertigt, dass es kaum von Menschenhand gemacht werden konnte. Ich stand mit offenem Mund vor einer dieser eindruecklichen Waende und es lief mir kalt den Ruecken runter. Ersten wegen der Baukunst und zweitens, weil ein Volk mit einem solch aussergewoehnlichen Wissen von den Spaniern innert weniger als einem halben Jahrhundert einfach ausgeloescht werden konnte.... Schrecklich!

Text? Bevor ich mich definitiv aus Arequipa verabschiedete, machte ich einen Abstecher ins Tal der Vulkane. Es war eine eindrueckliche Reise mit vielen Erlebnissen. Erst die Felszeichnungen von Toro Muerto. Unglaublich, die Anzahl an interessanten Malereien, die dort zu finden sind. Auf jedem kleinsten Stein ist irgend eine Zeichnung zu finden. Die Steine sind bis zur Nummer 3000 nummeriert, was heisst, dass auf 3000 Steinen Zeichnungen zu sehen sind. Ich war begeistert!

Erst fuhr ich angenehm durch das breite Tal, bevor es dann bald fertig war mit der ruhiger Talfahrt. Es begannen die Steigungen. Beim Talboden war ich auf etwas weniger als 1,000m. In zwei Tagen sollte ich ueber einen 4,800m hohen Pass fahren und vor allem stossen! In unzaehligen Spitzkehren ging es den Berg hinauf. Erst war es bruehtend heiss. Da ich mir vor Wochen die Haare geschitten hatte und sie so meine Ohren nicht mehr deckten, verbrannte ich mir schrecklich meine Ohren. Als ich den Leuten von meinem Vorhaben erzaehlte, meinten alle, dass ich da auf dem Pass dann mit Schnee rechnen muesste. Ich schwitzte bei mehr als 30íC und die Leute redeten vom Schnee! Fand ich etwas absurd, doch es war zutreffend. Als ich mich wenige Kilometer vor der Passhoehe befand, schlugen ploetzlich aus den aufgezogenen Wolken die ersten Hagelkoerner. Ich stellte in aller Eile mein Zelt auf und verbrachte eine eisige Nacht auf 4'700m.

Text? Es ist Regenzeit in den Bergen. Am Morgen strahlt jeweils eine klare Sonne, bevor vor dem Mittag die Wolken aufziehen und es kurz nach Mittag zu Regnen beginnt. Ich brach sehr frueh am Morgen in Machahuay auf und rechnete damit, um die Mittagszeit in Andagua, im Tal der Vulkane, anzukommen. Somit fuhr ich, um Gewicht zu sparen, mit dem nur aller noetigsten los. Essen wollte ich dann in Andagua wieder. Doch der Aufstieg war haerter und laenger als ich dachte. Ab einer gewissen Hoehe schob ich meinen Rulo nur noch und so ueberraschte mich kurz vor dem Pass der Schnee. In aller Eile stellte ich mein schuetzendes Zelt auf. Mir blieb etwas mehr als ein Liter Wasser und etwas Reis. Nicht viel, doch es sollte reichen. Mit einer am Wegrand gefundenen Petflasche sammelte ich das vom Zelt abperlende Wasser und konnte mir so am Abend sogar eine Tasse Tee kochen. Das Reis wollte ich mit meinen Gewuerzen etwas schmackhaft machen, Sauce hatte ich ja keine, und so schmiss ich derart viel Chili und Pfeffer rein, dass ich es letztendlich gar nicht mehr fressen konnte.... So schaltete ich auf Diaet und musste halt mit leerem Magen ins Bett.

Auf dem Weg traf ich Ricardo Random aus Machahuay. Er lud mich zu sich nach Machahuay ein, falls ich dort vorbeifahren werde. So fuhr ich kurz nach Mittag im Dorf ein und fragte nach Ricardo. Er sei auf dem Fussbakllplatz, wo sich die 17 Plauschmannschaften (Machahuay hat ungefaehr 2,000 Einwohner!!) zum jaehrlichen Turnier eingefunden haetten. Ich fuhr hin und war natuerlich der einzige Auslaender. Erst wurde ich gefragt, ob ich ein Spiel pfeifen koenne. Deutsche Schiedsrichter seien doch eh alle bestechlich und so liess ich es sein. Und so fehlte der als naechstes spielenden Mannschaft noch einen Spieler und die Leute kamen wieder auf mich zu. Ich akzeptierte.

Text? Ich nannte mich Cristian Fernandez, von den Mitspielern wurde ich Zidane genannt und die volle Tribuene schrie staendig nach dem Gringo. Ein heilloses Durcheinander. Kam ich an den Ball, ging das Gekreische auf den billigen Plaetzen los. Und er spielte gut, der Gringo, Zidane oder Fernandez! Auf 3'600m gab ich bein Fussballspiel mein Bestes! Es gelang mir ein Dribbling, ein toller Pass und ploetzlich kam es zum Eckball. Ich stellte mich an der Strafraumlinie auf, der Ball platschte vor meine Fuesse, ich haute drauf und drinn war das Ding! Gringo Gooooooool! Am Schluss gewann mein Team 1:0 durch Tor von Fernandez, obwohl das Gegnerteam eigentlich besser eingestuft wurde und haette gewinnen sollen. Bei den Gegnern gab es boeses Blut, waehrend meine Kameraden zur Flasche griffen und den Sieg feierten. Es war purer Zuckerrohrschnaps, der die Runde machte. Doch es war eine etwas komische Runde, denn der Becher kam immer wieder zu mir zurueck und so endete mein Fussballtag in einem Zuckerrohrdilirium. Am naechsten Tag stand ich aber um 6.30Uhr auf und fuhr auf meine 4'700m hoch, wo mich der Schnee erwischte.

Das Tal der Vulkane in Andagua war dann etwas enttaeuschend. Ich sah an die zehn lustig kleine Vulkankegel, doch hatte ich mir mehr vorgestellt. Es war wieder einmal eine Enttaeuschung aufgrund von zu hoch gesteckten Erwartungen. Besser ich erwarte nichts, finde wenig und freue mich dennoch daran.

Per Bus fuhr ich dann nach Arequipa zurueck. Es regnete und schneite, die Strasse war glitschig und nass. Ich sass neben einer Frau. Sie reist einmal im Jahr nach Arequipa und ist sich das Reisen ueberhaupt nicht gewoehnt. Jedesmal wenn der Bus ein etwas merkwuerdiger Laut von sch gab, grub sie ihre Finger in meine Oberschenkel und bat dann anschliessend um Entschuldigung. Ihre etwa 10 jaehrige Tochter schlief auf ihren Oberschenkel, legte ihren Kopf wie selbstverstaendlich auf meine Knie und schlief so fast die ganze Wegstrecke. Etwas unbequem. Ein peruanisches Buserlebnis.

Dann verabschiedete ich mich endgueltig vom meinen Leuten in Arequipa. Nach 18 monatiger Reise bin ich mir die staendigen Abschiede schon gewoehnt und es machte mir auch hier nicht viel aus, meine Freunde, mit denen ich zwei Monate verbrachte, zurueck zu lassen. Bedenklich, dass ich mich sogar ans Abschiednehmen gewoehnen kann...

Text? Ich fuhr runter ans Meer nach Camana und waehrend drei Tagen der Pazifikkueste entlang in Richtung Nazca. War das herrlich! Mal fuehrte die Strasse hoch oben der steil abfallenden Klippen entlang, bevor ich in einer rasanten Abfahrt wieder auf Meereshoehe hinunter sauste. Staendig begleitete mich das Geraeusch des Wellenschlages. Hatte ich heiss (was doch recht oft der Fall war...), entledigte ich mich meinen Kleidern und nahm ein erfrischendes Bad im kuehlen Nass. Die Naechte verbrachte ich moeglichst nahe am Meer. Text? Fuer die erste fand ich zuvoerderst auf einer Landzunge ein Plaetzchen. Mit Steinen befestigte ich mein Zelt, sonst haette es mich wohl weggeblasen. Einem herrlichen Sonnenuntergang folgte ein toller Sonnenaufgang. Die zweite Nacht suchte ich ein etwas windgeschuetzteres Oertchen. Zwischen Steinen schlug ich mein Zelt im Sand auf. Bei Sonnenuntergang kochte ich mein Essen und legte mich anschliessend unter dem Sternenhimmel in den Sand, um begleitet vom staendigen Wellenschlag bis in alle Nacht hinen in meinem aktuellen Buch zu lesen. Sophies Welt.

Text? In Nazca mischte ich mich fuer einmal unter die klassischen Bustouristen und goennte mir einen Flug ueber die Nazcalinien. Rulo faehrt, doch fliegen hat er leider noch nicht gelernt. Es war wunderbar! Ich sah die tollen Figuren, die langen, schnurgeraden Linien und fuer einmal die Landschaft von oben. Ein Video klaerte uns etwas ueber das Mysterium der Linien auf. Doch ueber die Existenz wird weiterhin geraetselt. Kein Wunder, dachte ich nach dem Flug, wenn alle Leute hier so chaotisch denken, wie der Pilot fliegt.... Per Kopfhoerer machte er uns auf die Figuren aufmerkasm, riss dabei das Steuer mal nach links, dann nach rechts, die Luftloecher trugen das ihre zum Spektakel bei... Ich wusste, dass es besser ist, das Fruehstueck auf nach dem Flug zu planen und so ueberstand ich die Kapriolen unseres Piloten heil.

Text? Nazca liegt auf etwa 600m ueber Meer. Cuzco befindet sich auf 3'300m und dazwischen sind mehrere ueber 4'000m hohe Paesse zu ueberwinden. Ich wusste, dass es hart werden wird, und es wurde hart. Nach Nazca fuehrte die Strasse innert 98km auf ganze 4'300m hoch. Am ersten Tag hatte ich wohl einen Adrenalinschub und fuhr ganze 68km und meisterte dabei an die 3'100 Hoehenmeter. Mann, war das ein Ding! Die Kurven wollten nicht mehr enden, nach jedem Bergruecken erblickte ich weitere Spitzkehren. In Nazca lief mir sitzend der Schweiss von der Stirne, nach zwei Stunden Fahrt wechselte ich die Sandalen gegen waermende Socken und Schuhe aus, etwas weiter zog ich lange Hosen an, stuelpte ein weiteres T-Shirt ueber, bis ich dann am naechsten Morgen mit Kappe und Handschuhen los fahren musste... Es war ein eindruecklicher und rasanter Klimawechsel. War an der Kueste ausser Sand und Steine gar nichts zu sehen, fuhr ich bald ueber eine sich auf 4'500m befindende mit lauter kleinen Seen durchzogene Hochebene, wo sich tausende und abertausende von Alpakas und Lamas tuemmelten.

Da Gebiet war nur aeusserst spaerlich besiedelt. Froh war ich dann, als ich entkraeftet in Negor Mayo einfuhr. Zwanzig Haeuser, kleiner als Zimlisberg, doch es genuegte. Ich ass und blieb. Bei einer Familie kam ich im Materialraum unter. Die drei Kinder schauten mir mit grossen Augen beim kochen zu, waehrend ihnen staendig die Schnudernase lief. Ihre Zehennaegel waren vor Dreck nicht mehr zu erkennen und die Haare hingen in Faeden vom Kopf herunter. Spaeter redete ich mit Evaristo, dem 26jaehrigen Vater. Sein aeltester Sohn ist 12 jaehrig; man rechne! Evaristo erzaehlte mir, dass er eben nur einen Primarschulabschluss besaesse. Eine Sekundarschule gaebe es im Doerfchen keine. Ob es denn nie eine gegeben habe, fragte ich. Ja, meinte er, es habe eine gegeben, bis ins Jahre 1987, als die vier Sekundarschullehrer von den Guerillas des Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) ermordet worden seien. Die Region sei eine der Hochburgen der Guerillas gewesen. Autoritaetspersonen wie Lehrer, Pfarrer, Polizisten und Gemeindepraesidenten seien von den Senderistas auf der Stelle in aller Oeffentlichkeit ermordet worden. Als die Regierungstruppen in die Region vorstiessen, vermuteten sie in jeder Person einen Guerillero. Unschuldige Leute wurden gefoltert. Evaristo sei eines Tages friedlich bei seinen Alpakas gesessen, als eben diese Regierungstruppen vorbei kamen. Auch in ihm vermuteten sie einen Guerillero und so wurde er aufs brutalste misshandelt. Als das Gespraech an diesem Punkt angelangte, entschuldigte sich Evaristo und verliess den Raum. Er wollte nicht weiter darueber reden.

Ich staunte und mir wurde wieder einmal die brutale Realitaet der nahen Geschichte Suedamerikas bewusst. Wie auch schon im Mai des letzten Jahres. Damals war ich im Mailboykott und so schrieb ich nie etwas von meiner Begegnung mit Wayra. Es war im Famatima, im Norden Argentiniens. Ich sass auf dem Dorfplatz, als sich zwei nicht wirklich vertrauenserweckende Maenner mir naeherten und mich zu sich nach Hause einluden. Erst lehnte ich ab, doch als ich etwas von einer warmen Douche hoerte, nahm ich das Angebot doch an. Wir assen zusammen Z'nacht, als ich Wayra fragte, wieso ihm denn alle vorderen Zaehne fehlen. Einer illegalen Verhaftung wegen, meinte er. Ich horchte auf und fragte nach. Es sei in den 80er Jahren gewesen. In ganz Suedamerika waren Militaerregierungen an der Macht und in ganz Suedamerika kaempften Guerilliagruppen fuer die Gerechtigkeit. Wayra gehoerte der argentinischen Guerilla an, kaempfte von Argentinien bis Venezuela. Bis er nahe von Buenos Aires in ein Gefecht verwickelt und an beiden Knien verwundet wurde. Er wurde gefangen genommen und blieb 1.5 Jahre in Haft. Erst setzten sie den Elektroschock an den Wunden bei den Knien an. Taeglich musste er diese Tortur ueber sich ergehen lassen. So schwoll die Wunde so stark an, dass die Elektroden nicht mehr an den Wunden angesetzt werden konnten. Das Zahnfleisch sei der empfindlichste Teil unseres Koerpers und so wurden ihm die Zaehne raus geschlagen und die Elektrotherapie ging weiter! 1.5 Jahre lebte er mit verbundenen Augen. Als er wieder die Freiheit erlangte, musste er sich mehr als einen Monat wieder ans Tageslicht gewoehnen. Erst brannte ihm sogar das Licht der Sterne so sehr in den Augen, dass er nicht einmal deren Licht ertrug. Er erzaehlte mir von seinem Guerillaleben. Drei Menschen habe er auf dem Gewissen. Einen Polizisten, einen Soldaten und einen Richter. Zusammen mit andern Guerilleros erhielt er Nachrichten ueber das Leben des Richters, so dass sie ihm eines Tages auflauerten. Zwei Autos nahmen das Fahrzeug des Richters in die Klemme, waehrend er sich in einem dritten Auto naeherte, ausstieg, dem Richter in die Augen schaute und abfeuerte.... Ich sass gegenueber dieses Mannes, der in seinem Leben so viel erlebt und ertragen musste, wie kaum eine von mir zuvor getroffene Person. Ein Schaudern ging durch meinen Koerper und ich umarmte Wayra beim Abschied besonders herzlich.

Hier in Cuzco spanne ich nun erst mal etwas aus, flicke meinen Rulo und mache ihn flott, um bald einmal durch das Valle Sagrado, das Heilige Tal der Inkas, fahren zu koennen. Eine Inkaruine reiht sich dort an die andere und am Schluss wartet Machu Picchu. Leider wird Rulo auf Machu Picchu verzichten muessen, da diese Inkastadt so versteckt in den Bergen liegt, dass keine Strassen dort hin fuehrt. So mische ich mich schon wieder unter die klassischen Bustouristen und wandere. Wenn der beruhmte Inkatrail nicht all zu teuer ist, so werde ich mir dies goennen. Bis bald!

Gruss Chrigu
Cuzco, Peru