23 April 2005 - Trujillo, Peru

Hallo Freunde

Mein Unfallmail warf hohe Wellen - ich bekam so viel Mails wie noch selten zuvor. Vielen herzlichen Dank fuer die Anteilnahme!!! Bei einem hiess es "und dann wurde es doch wieder ein Buch"; ein anderes lautete "du laesst ja wieder einmal schoen die (Rahmen)krachen; oder dann trafen Durchhalteparolen wie "Rulo, halt durch!" ein. Es ist schoen zu erfahren, wie viele Leute meine Mails lesen und nun auch zurueckgeschrieben haben. Eure Mails taten mir sehr wohl!!! Diese Unterstuetzung schaetze ich sehr.

Text? Ich darf euch nun die freudige Nachricht ueberbringen, dass es mir sowie Rulo ausgezeichnet geht. Wir fuhren durch die Cordillera Blanca. Es war herrlich. Der Huascaran mit seinen mehr als 6,700m war uns auf dem 4,700m hohen Pass zum Greifen nahe. Gletscher glaentzten in der intensiven Andensonne. Seen schimmerten gruen. Von dieser luftigen Hoehe fuhren wir mehr als 200km hinunter ans Meer nach Trujillo. Schlief ich im Nationalpark Huascaran noch auf knappen 4,000m und frohr mir den Arsch ab, schwitzte ich einen Tag spaeter in der Kuestenhitze. Die Nacht verbrachte ich draussen im Nichts ohne Zelt nur auf meiner Isomatte unter dem Sternenhimmel. Herrlich.

Kurz nach Huanuco erreichte ich Pampas, ein kleines Dorf, wo ich nach einem Nachtlager fragte. Waehrend im Dorf einen freine Platz gesucht wurde, unterhielt ich mich mit der Jungmannschaft. Die Kinder waren lustig und frech. Das Dorf besitzt noch keinen Strom, so dass die Verbloedung unserer Fernsehgesellschaft das Dorf gluecklicherweise noch nicht erreichern konnte. Die Maedchen waren am stricken. Die Jungs spielten mit ihren Steinschleudern. So versuchte ich mich auch mit einem dieser Gummis. Ich zog auf, ziehlte auf den nahen Besenstil, als ich mir den Stein klaeglich an meine Hand schmetterte. Das Gelaechter hallte laut, als mir die Jungs zeigten, wie dies zu machen sei. Aus zehn Meter Entfernung trafen sie Besenstile und aus 30 Meter Baumstaemme, als sie meinen Rulo als Ziel aussuchten. Ich wehrte mich, liess sie aber auf eine Satteltasche schiessen. Da sollte nichts passieren. Der Junge ziehlte - und traf die 4qcm grosse Plstikschnalle, die in kleinen Stuecken davon flog. Er habe eben aus mehr als 5m auch dieses Ziel fixiert?

Freute ich mich hinter der Cordillera Blanca auf die alte Kultur von Chavin de Huantar, bekam ich genau in diesem Doerfchen einen eindruecklichen Einblick in die aktuelle Kultur Perus. Die Ruinen von Chavin sind ein UNESCO Weltkulturgut und so fuhr ich hin. Sie sollen das aelteste sich in Peru befindende Steinbauwerk sein. Ich durchschritt unterirdische Gaenge und betrachtete hohe Steinmauern. Schoen war es, doch nach den vielen gesehenen Steinbauwerken um Cuzco beindruckte mich dieses Bauwerk nicht sehr tief.

Am spaeten Nachmittag fuhr ich aus dem Dorf raus, als ich an der Polizeistation vorbei kam. Die Tueren standen offen, es zog mich hinein. Ich fragte, ob ich die Nacht im Quartier verbringen koenne. Cano, der Polizist, lief ueber die Strasse in die nahe Kneippe, um den Chef zu fragen. Die Frau von Palacios, dem Chef, die zwar in Lima sei, habe heute Geburtstag und so sei dies doch ein Grund zum feiern. Spaeter fand ich heraus, dass es nur eine (der sicher zahlreichen) Verehrerinnen von Palacios sei. Doch allemal immer noch ein Grund zum feiern! Als ich dann vom Nachtessen im Dorf zurueckkehrte, stand auch schon die naechste Kiste Bier im Polizeirevier. Zu viert soffen wir Text? uns die Birne voll. Palacios brachte kaum mehr einen zusammenhaengenden Satz ueber die Lippen. Doch als uns gegen 23Uhr das Bier ausging, wankten wir zum naechsten Laden, klopften die schon schlafende Ladenfrau heraus, so dass sie uns weitere Flaschen verkaufen konnte. Was sie denn nun machen wuerden, wenn ein Notfall eingehen wuerde, fragte ich. Nach Worte suchend erzaehlten sie mir von einer andern Polizeistation in 10km Entfernung, die sie dann halt anfunken wuerden. Und wenn sich die dort auch die Birne volllaufen lassen!? Und sich raufende Trunkbolde wuerden sie noch allemal voneinander nehmen koennen.... Ich legte mich schlafen im Wissen bei diesen verantwortungsvollen Polizisten gut aufgehoben zu sein!

Die naechsten beiden Naechte verbrachte ich in Kirchen. Italienische Jugendliche arbeiten in dieser Gegend an einem ganz interessanten Projekt, genannt Organizazione Matto Grosso (OMG). Waehrend Jahren sammeln sie in Italien Geld, Lebensmittel und andere nuetzliche Utensilien, die sie anschliessend nach Peru verfrachten. Pro Tag ueberqueren von OMG im Durchschnitt drei Kontainer den Atlantik. Viel der freiwilligen Italiener, nicht gezwungenermassen Glaeubige, wollten ganz einfach aus dem normalen Konsumalltag eines europaeischen Leben entfliehen und arbeiten nur fuer einigen Monate bei diesem Projekt mit. Jugendliche, mit denen ich mich super verstand und deren Ideen ich fast vollstaendig teilen konnte. Sie nahmen mich herzlich auf und wir unterhielten uns bestens.

In Yanama beobachtete ich das Leben rund um das Haus von OMG. Drei geisteskranke Personen erregten meine Aufmerksamkeit. Zwei dieser Personen waeren taub und sprachlos geboren worden und haetten in der peruanischen Gesellschaft schlicht keine Ueberlebenschance. Die dritte Person, Michi, eine Frau, life staendig gebueckt durch die Gegend, gefolgt von mehreren Hunden, stritt sich mit den andern beiden und fluchte laut in der Gegend herum. Am Abend, nachdem wir mit diesen drei "Gestallten" unser Nachtessen teilten, fragte ich nach der Fraus Schicksal.

Sie habe in Yungay gelebt und fuehrte ein "normales" Leben. Sei Lehrerin gewesen und sprach fliessend Englisch. Im Jahr 1970 geschagh es dann. Ein heftiges Erdbeben erschuetterte die Cordillera Blanca, als eine Front des Huascaran abbrach. Riesige Geroell, Stein, Schnee, Eis, Wasser und Schlammmassen waelzten sich ins Tal - und vergruben Yungay gaenzlich unter sich. An die 50,000 Personen starben in diesen Minuten. Diese eine Frau ueberlebte. Ihre saemmtliche Familie starb, alle ihre Freunde verschwanden und ihre "Heimat" wurde vom Erdboden verschluckt. Ein Schicksal, welches ihre tiefen Spuren auf der Seele dieser Frau hinterliess. Erst begann eine leichte geistige Verwirrtheit, welche immer schlimmer wurde, bis sie schliesslich voellig den Verstand verlor. Tragisch.

Text? Nun befinde ich mich in Trujillo, einem seit langem ersehntes Etappenziel. Schon im Oktober 03 hoerte ich das erste Mal etwas von dieser Stadt. Als ich damals noch mit Roegu in Bahia Blanca bei Michel untergekam, erzaehlte dieser uns zum ersten Mal von Lucho. Lucho ist Peruaner, begeisterter Rennradler und hat sein Hobby zu seinem Leben gemacht. Er trainiert taeglich, besitzt seine Velowerkstatt und nimmt in seinem Haus Fahrradreisende auf. Hier wird dies das ?Casa de Ciclistas? genannt - das Haus der Velofahrer. Seit 1985 bin ich nun der 645 Velofahrer, den er bei sich beherbergt. Es ist ein Fixpunkt einer jeden Suedamerikareise, das Haus von Lucho. Der Aufenthalt ist gratis, die Leute nett und gespraechig und die Zeit vergeht wie im Fluge. Nicht wenige Veloreisende blieben hier haengen. Einige sogar fuer ganze vier Monate, obwohl sie vor hatten, nur ein paar Tage zu bleiben?.

So kam im Jahr 1999 eine Franzoesin bei ihm im Haus vorbei, dessen Onkel einer der Mitorganisatoren der Tour de France gewesen sei. Lucho ist aeusserts Radsportangefressen, was diese Franzoesin zweifellos bemerkte und die Hebel in Gang setzte. Zusammen mit an die 40 andern Fahrradfahrer, die bei Lucho abstiegen, sammelte sie Geld, um ihm eine Europareise zu schenken. Ihr Onkel Text? nahm Kontakt mit Jean Marie Leblanc auf, dem Hauptorganisator der Tour. Im Jahr 2000 flog Lucho dann nach Paris. Die Franzoesin hatte ihm einen Platz im Tourtross organisiert und so fuhr er waehrend drei Wochen mit der Karavane der Tour de France durchs Land. In Lausanne kamen sie vorbei, wo Jean Marie Leblanc ihm ein Zimmer in einem 5-Stren-Hotel organisiert hatte. Zwei Fernsehbeitraege in den bekanntesten franzoesischen Kanaelen dokunentierten den Peruaner bei der Tour. Ein Traum ging fuer ihn in Erfuellung! Er traf sich mit Lance Armstrong, Miguel Indurain und zahlreichen andern Radsportgroessen und fuhr fast taeglich mit den Schoenheiten der Hauptsponsoren herum. Nach zwei Monaten Europareise, davon drei Wochen Tour de France, wachte er aber aus seinem ?Traum? auf und kehrte zurueck ins peruanische Alltagsleben, wo er nun wieder die vielen Weltenradler beherbergt und so in Gedanken noch einmal auf Rerisen geht kann. Ein interessanter Mann, dieser Lucho.

Luchos Haus befindet sich Stirn an Stirn eines tollen Marktes. Farbig glaenzen die Fruechte in der Sonne. Eine Vielzahl von Kartoffeln liegen zum Kauf bereit. Nicht immer wirklich angenehme Gerueche benebeln die Sinne. Leute laufen geschaeftig durch die duennen Passagen. Ueberall bedienen sich Passanten an den vielfaelltigen Essensangeboten. Es ist ein wahres Labyrint der Sinne. Zwei Augen sehen laengst nicht allen. Die vielen Geraeusche ueberfordern die beiden uns zur Verfuegung stehenden Ohren. Nur die Nase ist froh, nicht alle Gerueche aufnehmen zu muessen...

Vor Tagen loeffelte ich wieder einmal auf einem dieser tollen Maerkte mein Z?morge. Bedient wurde ich von einer Frau mit Kind. Waehrend sie mit der einen Hand meine Suppe schoepfte, machte sie mit der andern ihre Brust frei und liess ihr Kind saeugen.

Als ich vor drei Tagen auf dem Weg hier nach Trujillo war, kam mir ploetzlich ein Rennvelofahrer entgegen. Er kehrte um und begleitete mich in die Stadt. Er war ein Freund von Lucho und fuehrte mich sicher zu dessen Haus. Er sei Zahnarzt, liess er mich wissen, was mich daran erinnerte, dass ich seit fast zwei Jahren meinen Zahnstein nicht mehr abhacken liess. So stellte ich ihn kurzerhand an. Am naechsten Tag suchte er mich in Luchos Haus auf.

Auf dem Buegelbrett breitete er seine Werkzeuge aus. Aus einem Topperwaer nahm er die Spiegel und Schaber und meinte ernst, dass dies alles fein saeuberlich sterilisiert sei.... Ich setzte mich auf dem Wohnstubensessel und die Kontrolle begann. Dass schimmerliche durchs Fenster fallende Licht genuegte allemal zur Behandlung. Waehrend er mir von Hand den Zahnstein abpickelte, schraubte Lucho in zwei Meter Entfernung an einem Fahrrad, kochten andere Fahrradfahrer in der Kueche Pfannkuchen, verkaufte Aracelli unter der Tuere ihre Desserts und eine dessertkaufende Frau mit Saeugling setzte sich mir gegenueber aufs Sofa in der Wohnstube und gab dem Kleinen die Brust. Den Spiegel in meinem und steckend kam Fabian, meinem Zahnarzt, in den Sinn, dass er doch noch ein Fahrradteil haben sollte, drehte sich um und wickelte kurz diesen Handel mit Lucho ab, bevor die Behandlung ihre Fortsetzung nahm. Doch der Zahnstein war auch so nach etwas mehr als einer Stunde weg. Die S/.20 (8CHF) bezahlte ich sicherlich nicht nur der Behandlung, sondern auch der Unterhaltung wegen gerne.

Heute als ich beim Z'morge sass, berichteten sie im Radio, dass gestern in Lima der bisher kaelteste Tag des Jahres gewesen sei. Auf klirrende +16°c sei das Thermometer gefallen.....

So durfte ich wieder einmal viel erleben, sah herrliche Landschaften, traf spannende Leute und fuhr ueber atemberaubende Wege. Dabei ging es oft ueber uebelsten Schotterstrassen. Doch Rulo haelt!

Bleibe ich nicht auch fuer Monate im ?Casa de Ciclistas? haengen, fahre ich bald weiter nach Ecuador. Ich freue mich auf dieses "mein" Land, wo ich mit 17 Jahren im Schueleraustausch leben durfte, bin aber gleichzeitig sehr gespannt, wie ich es vorfinden werde, erlebte Ecuador doch sechs vergangene Jahre, in denen sich einiges getan hat. Wie werden sich wohl die Leute veraendert haben? Wie werde ich meine Familie Saavedra vorfinden? Werde ich alte Bekanne treffen? Und zur Zeit sieht die politische Situation ja gerade wieder nicht sehr gut aus. Der Praesident wurde vor wenigen Tagen abgesetzt und befindet sich auf dem Weg ausser Land. Auf mich warten wieder unterhaltsame Tage.

Gruss Chrigu
Trujillo, Peru