7 Juni 2005 - Quito, Ecuador

Hallo Freunde

Ich habe es geschafft - ich bin in Quito. Im Hause Saavedra! Am Freitag, nach 664 Tage unterwegs, war ich endlich am Ziel meiner Traeume. Ich fuhr rein in die Stadt, sah vom weitem schon die Hochhaeuser des modernen Zentrums. Es waren emotionale Momente. So emotional, dass ich eben auch einige Freudentraenen vergoss. Bevor ich hier bei meinem zweiten Zuhause ankam, drehte ich einige Runden durch die Stadt. Ich fuhr durch die Strassen und Gassen, wo ich vor sechs Jahren meine halbe Zeit des Austauschjahres verbrachte. Sah Laeden, die mich an Momente erinnerte. Kannte schon die Strassen, die nach den Abzweigungen antreffen werde. Fast jeder Blick erinnerte mich an vor sechs Jahren.

Vom modernen Zentrum fuhr ich in das historische Zentrum. Ich erreichte die Plaza Grande, den Hauptplatz Quitos. Hier wurde mir so richtig bewusst, dass ich mein Ziel, welches ich seit mehr als zwei Jahren angepeilt habe, erreicht hatte. Kirchen, Plaetze, Baeume, Haeuser und Gassen kamen mir bekannte vor. Es war herrlich auf meinem Rulo durch diese Strassen zu kurven. Dann fuhr ich runter zum Trebol, dem Verkehrskontenpunkt, wo ich meistens den Bus wechseln musste. Von da weg geht es etwas hoch zum Quartier Monjas las Orquideas, wo ich vor sechs Jahre wohnte. Ich fuhr um die eine Kurve, sah die Fussgaengerpassarelle, wo ich immer die Strasse ueberquerte. Da bog ich rein ins Quartier, fuhr an den mir bekannten Haeuser vorbei, bog en letztes Mal ab und da war ich. Ich stand vor dem Haus Nr. 1291. Ich hatte es geschafft! Ich klingelte und ploetzlich kamen sie raus. Maria, die Hausangestellte, und Andres, mein kleiner Gastbruder. Doch mein kleiner Gastbruder ist nun ploetzlich eben nicht mehr so klein. Damals war er 4 Jahre alt. Heute ist er 10 jaehrig. Als dem kleinen Jungen ist ein stattlicher Bursche geworden. Auf der Strassen haette ich ihn niemals als den Andres, den selben wie vor sechs Jahren, erkannt.

Text? Langsam kamen die restlichen Familienmitglieder von Studium und von der Arbeit nach Hause. Darwin, heute 19jaehrig, hatte ich immer noch als schlitzohriger Bursche in Erinnerung. Und wieder laeutete es. Mein Herz schlug schneller. Es war Beatriz, meine Gastmutter. Bald folgte mein Gastvater Gerardo. Als letzter erschien Santiago, mein dritter Gastbruder. Und ploetzlich waren sie alle wieder um mich herum. Ich schaute, fragte, hoerte, erzaehlte und war dabei einfach gluecklich!

Sechs Jahre ohne uns zu sehen und fast ohne voneinander zu hoeren waren eine lange Zeit. Wir wussten fast nicht wo mit reden anzufangen. Andres begleitet mich seit meiner Ankunft nun fast auf Schritt und Tritt. Wir spielen Schach und er setzt sich neben mich, wenn ich am Compi sitze und staunt ab den langen Worten, die wir im Deutsch haben. Bei Fussgaengerpassarelle zaehlte er 21 Buchstaben! Es ist richtig niedlich, wie er mich verfolgt und mir seine Sachen erzaehlt.

Auch Santiago, mit dem ich waehrend des Austauschjahres nie ein gutes Verhaeltniss aufbauen konnte, ist sechs Jahre aelter und wir verstehen uns ausgezeichnet. Bei meiner Ankunft hatte ich etwas Bedenken, wie es wohl werden wird, wenn wir uns wiedersehen werden. Und es wurde hervorragend. Beide sehen wir ein, dass wir vor sechs Jahren einfach noch nicht reif genug waren, um mit- und nebeneinander leben zu koennen. Doch dies scheint sich geaendert zu haben.

Am Samstag fuhren wir am Colegio Montufar vorbei. Dort, wo ich waehrend meines Austauschjahres meine wenigen Schultage absolvierte. Waehrend Gerardo und Beatriz etwas am Auto flicken liessen, spazierte ich mit Andres durch die Schulanlage. Ich stand da, wo wir oft im Sportunterricht Volleyball spielten, wo wir beim Fussballspiel dem Ball hinterher rannten, wo wir unsere Marschuebungen machten. Ich lief zur Aschenbahn, wo ich auf 2,800m einen 12-Minuten-Lauf absolvieren musste. Sah die Tribuene, wo ich mich einmal nach der Schule mit meinen Klassenkollegen bei melancholischer Guitarrenmusik besoffen hatte. Und stand vor der Tuere zu meinem damaligen Schulzimmer. Ich fuehlte mich beim Anblick all dieser Staetten um sechs Jahre zurueckversetzt. Da merkte ich auch, welch grosse Gelegenheit ich mir damals entgehen liess, als ich so praktisch nie zur Schule ging. Heute wuerde ich oefters den Unterricht besuchen. Ich haette in diesem Colegio noch so viel mehr Sachen erleben koennen. Haette so viele Leute kennen lernen koennen. Doch ich bevorzugte damals das Leben auf der Gasse, mit den andern Austauschschueler. Heute aber sind all diese Austauschschueler nicht mehr hier in der Stadt.

Zurueck hier in Ecuador wurde ich bald von ueberall daran erinnert, dass ich hier in diesem Land ein ganzes Jahr meines Leben verbracht habe. Mir begegneten Schriftzuege, die mich an Momente erinnerten. Ich roch Gerueche, die mir bekannt vorkamen. Esse das Brot, das ich immer gegessen habe. Hoere Namen, die ich mit Erlebnissen verbinde. Und trinke das Bier, mit dem ich mich soooo oft betrunken habe!!

Waehrend meines Austauschjahres reiste ich viel im Land umher. Meine Auslegung von Tourismus war damals Staedte besuchen, Landschaften sehen und Spass haben. Nun fuhr ich an einigen den von mir damals besuchten Staedte und Landschaften vorbei. Es war schoen, doch sind dies stumme Zeugen meiner damaligen Erlebnissen. Da wurde mir bewusst, was ich waehrend meines Austauschjahres bei meiner Auslegung von Tourismus vergessen hatte. Ich lernte keine Leute kennen! Leute und Bekanntschaften bringen Emotionen ins Leben und lassen einem vergangene Momente viel intensiver wieder aufleben.

Als ich 1998 ins Austauschjahr fuhr, war ich 17 jaehrig. Eindeutig zu jung, um genuegend von den mir damals gebotenen Moeglichkeiten zu profitieren. Dies merke ich heute, sieben Jahre spaeter. Doch nachtraeglich bereue ich die damaligen Entscheidungen keineswegs. Ich handelte vor sieben Jahren nach bestem Wissen und Verstand. Heute weiss ich mehr und wuerde eben anders handeln. Doch auch so oeffnete mir dieses Austauschjahr die Tueren zu einer ganz neun Welt.

Was hatte ich damals vor meinem Austauschjahr fuer Gedanken und Ueberzeugungen! Ich war konservativ denkend, unterstuetzte die Dogmas von Blocher und co, war Befuerworter des Militaers und Auslaenderfeindlich eingestellt. Dank meinen Erfahrungen in Ecuador aenderte ich meine Ueberzeugungen. Ich aenderte sie sogar so stark, dass ich von einem Extrem ins andere gefallen bin.

Diese neue Einstellung der Welt gegenueber liessen mich im Jahr 2000 nach Afrika fliegen, wo ich noch einmal ein ganz anderes Bild der Welt zu sehen bekam. Und es war damals bei einer der taeglichen Siestas unter einem schattenspendenden Baum, als ich ploetzlich mit dem Fahrrad durch die Welt fahren wollte.

So begann meine heutige Veloreise ja eigentlich schon damals, als ich mich fuers Austauschjahr angemolden habe. Waere ich nicht ins Austauschjahr gegangen, waere ich auch nicht in den Niger geflogen, haette vielleicht immer noch die selben konservativen Gedanken wie als 16 jaehriger und wuerde heute vielleicht ein Leben eingebettet im schweizer Wohlstand fuehren.

So aber sattelte ich mein Rulo und fuhr los. Besuchte pulsierende Staedte und sah tolle Landschaften. Doch was meine Reise fuer mich so einzigartig macht, ist das kulturelle, geschichtliche und politische Wissen, das ich mir unterwegs angeeignet habe, was mir auch die Augen fuer die aktuellen Probleme der Bevoelkerung oeffnete. Oft erinnere ich mich an den Film Diarios de Motociclista, wo Ernesto Che Guevara unterwegs mit den Problemen der suedamerikanischen Bevoelkerung konfrontiert wird und dabei seine Ideen fuer eine spaetere Revolution spinnt. Mir geht es aehnlich. Seit Bolivien sind nicht mehr die Landschaften und die Staedte das, was mich man meisten fasziniert, sondern das Leben der Leute auf dem Lande.

Che Guevara sagt am Schluss im Film ?yo ya no soy yo, o por lo menos ya no soy el mismo yo interior?- ?Ich bin nicht mehr ich, oder wenigstens nicht mehr der gleicht ich in meinem Innern?. Dies gilt zu einem grossen Teil auch fuer mich. Nun, wenn ich mir bekannte Leute treffe und bekannte Orte besuche, merke ich besonders, wie sich mein Blickwinkel veraendert hat. Ich bin dann gespannt, wie ich meine Veraenderungen bei meiner Rueckkehr nach Europa spueren werde.

Nun, viel Zeit liess ich seit meinem letzten Schreiben aus Trujillo vergehen. Zu viel, um all meine Erlebnisse in einem Mail zu erzaehlen. Doch da viele meiner Leser gerne auch ausfuehrliche Mails aus Suedamerika lesen, schreibe ich halt meine Erlebnisse in zwei Mails. Heute eines und etwas spaeter ein zweites.

Text? Heute vor einem Jahr erreichte ich Salta im Norden Argentiniens. Vor zwei Jahren badete ich mich im Marzili in der warmen Aare. Vor drei Jahren wurde ich mit meier Lehrerausbildung fertig und feierte ein wildes Fest. Vor vier Jahren war ich mit meinen Eltern am Neuenburgersee. Vor fuenf Jahren hatte ich Besuch einer Kollegin aus den USA. Und vor sechs Jahren versammelte ich meine Kollegen hier in Quito zu einem BBQ. Wieso ich dies alles noch so genau weiss? Heute, am 7.6.2005, feiere ich meinen 24. Geburtstag. Vielen Dank fuer all die Geburtstagsmails!!!

Ich werde mich bald wieder melden. Alles Gute!
Gruss Chrigu
Quito, Ecuador