3 August 2005 - Manizales, Kolumbien

Hallo Freunde

Einen Monat ist es nun schon fast her, seit ich in Begleitung unterwegs bin. Matthias Doering landete fast puenktlich am 5.Juli in Bogota. Nicht aber so sein Gepaeck. Gerade einmal zwei Tasche durfte er in Empfang nehmen. Das Velo und seine weiteren Gepaeckstuecke liessen auf sich warten. So hatten wir erst einmal genuegend Zeit um uns nach zwei Jahren wieder kennen zu lernen.

Die wichtigsten Gepaeckstuecke nimmt man bekanntlich ja ins Handgepaeck, was auch Maettu tat. So packet er aus. Schoggi und Papillonpralines. Meine Mama hatte es gut mit uns gemeint und wir fanden eine vortreffliche Anzahl an schweizer Milchschokolade vor. Doch leider waren diese Schleckereine fast so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren...

Eine Flasche Rivella war auch mit im Gepaeck. Wie dies schmeckte. Doch rutsch-ratsch und auch dies war bald im Magen. Weiter ueberbrachte er mir eine Bundzeitung, welche zum Glueck etwas laenger hielt und genauso saettigte. Von A bis Z las ich dieses, mein Lieblingsblatt, durch. Ist eben doch eine tolle Zeitung!

Ueberraschend bald erreichte auch Doerings Gepaeck sein Ziel. Leider war der erhoffte neue Velorahmen fuer mich nicht dabei. Lieferengpaesse haetten eine rechtzeitige Auslieferung verunmoeglicht. So bleibt mir Rulo weiter treu und ich hoffe, dass er mich weiterhin sicher ueber die Strassen tragen wird.

Text? Eine Woche nach Doerings Ankunft begann unsere gemeinsame Veloreise. Per Bus waren wir nach Pasto, ganz im Sueden Kolumbiens, gefahren, von wo wir uns nun stetig gegen Norden bewegen. Es war ein tolles Fahren zu zweit. Wir unterhielten uns viel und lange. Nicht selten entstanden ganz interessante Diskusionen. Da merkte ich, dass dies mir in den letzten Jahren etwas fehlte. Zwar redete ich viel mit den unterwegs getroffenen Leuten, doch waren dies oft Erzaehlungen und nur selten kam es zu einer spannenden Diskusion.

Ich machte mir Gedanken ob dieses Nicht-Diskutieren der suedamerikanischen Bevoelkerung. Wird es wohl am Bildungssystem liegen? So erinnerte ich mich an meine Schultage 98/99 in Ecuador zurueck und versuchte einen Vergleich zum schweizerischen Schulsystem zu ziehen.

Gehen wir davon aus, dass in je einer Klassen in der Schweiz und in Suedamerika den Schuelern zwei Texte verteilt werden. In Suedamerika lernen die Schueler die Texte auswendig und geben den Inhalt wieder. In der Schweiz werden die Texte gelesen und die Aufgabe besteht darin, die Inhalte zu vergleichen. Somit lernen wir Europaer uns eine Meinung zu bilden, die wir in unsere Worten zu fassen versuchen. Hier aber wird vor allem auswendig gelernt und gedankenlos die Inhalte aufgenommen. Argumentiert wird nur selten.

Text? Im Sueden Kolumbiens besuchten wir zwei von der UNESCO geschuetzte archaeologische Staetten. Um dorthin zu gelangen verliessen wir die Hauptverkehrsachse und begaben uns in einsames und laendliches Gebiet. Gebiet, welches bis noch vor fuenf Jahren unter Kontrolle der FARC Rebellen stand. Uns war nicht immer ganz geheuer. So schliefen wir eine Nacht in Paletara, wo uns gleich bei der Dorfeinfahrt einen Pfosten mit einem FARC Grafiti in die Augen stach. Die Stimmung im Dorf war merkwuerdig und wir Auslaender wurden mit Misstrauen beobachtet. Doch wurde uns von vielen Seiten versichert, dass die Gegend seit einiger Zeit ruhig und sicher sei, so dass wir ohne groessere Probleme dort durchfahren koennen.

Text? In San Agustin und San Andres besuchten wir die beiden Kulturstaetten. Wir bekamen einen Einblick in eine der zahlreichen antiken Kulturen Suedamerikas. Tolle, merkwuerdige Steinfiguren waren in San Agustin zu sehen. Tiefe, bemalene Graeber betrachteten wir in San Andres. Uns gefiel es sehr.

Text? Die Fahrt auf diesen einsamen Strassen war aeusserst interessant. Wir durchfuhren eindrueckliche Landschaften, sahen eine sich den verschiedenen Kilmazonen anpassende Vegetation und trafen unheimlich nette Leute. Wir uebernachteten fast immer im Zelt neben einer der Fincas, wo uns die Besitzer mit offenen Armen empfiengen. Es gab selten einen Ort, wo wir nicht reichhaltig beschenkt wurden. So assen wir Orangen, Mandarinen, Wassermelonen, Papayas, Erdnuesschen, Zuckerrohr, Reis, und Schoggi, was wir alles von den Leuten erhielten. Das einfache Leben auf dem Lande beeindruckte nun nicht mehr nur mich alleine, sondern waren wir nun dessen zwei, die von der Herzlichkeit der einfachen Leute auf dem Lande beeindruckt waren.

Etwas widerwillig fuhren wir bald in die Grossstadt nach Cali. Wir kamen bei Alex unter, einem 27 jaehrigen Kolumbianer, den wir unterwegs getroffen hatten. Seine Kulft eine Wohnung zu nennen waere uebertrieben. Doch Alex war gewillt, den ihm zur Verfuegung stehenden spaerlichen Platz waehrend einigen Tagen auch noch mit uns zwei Fahrradfahrer zu teilen. Zwei kleine Zimmer, ein Bett, keine Fernster, keine Stuehle und keinen Tisch, dafuer zwei Fernseher ? mehr findet sich in dieser Kluft nicht. Unsere Nachtgefaerten waren Kakerlaken.

Einen Tisch gibt es in Alexs Kluft keinen. Gegessen wird vor einem der Fernseher, wofuer er seiner Freundin einen kleinen Holztisch gezimmert hat. Ist doch auch besser so, sonst muesste man nach miteinander reden! Nun reden die Leute in den Fernsehserien. Frueher sass man ja auch still und stumm in der Hoehle ums Feuer und lauschte dessen Zischen. Heute ist eben der TV an Feuers Stelle getretten....

Als Maettu vor Tagen in Bogota landete, wurde ihm nur ein 30ig taegiges Visum ausgestellt. Fuer einen Fahrradfahrer eindeutig zu kurz. So gingen wir in Cali auf das zustaendige Amt. Papiere hier, Kopien da, Einzahlung dort und letztendlich hiess es, dass wir fruehstens in zwei Tagen mit einem Bescheid rechnen koennen. Die suedamerikanische Buerokratie hatte ihre Schlingen um uns geschlossen.

Um das schier Unmoegliche doch zu versuchen, fuhren wir schon am naechsten Tag auf das zustaendige Amt, um uns nach dem aktuellen Stand zu erkundigen. Erst nett gruessen, fragen wie es einem gehe, ein laecheln und dann eine scheue Frage nach dem Stand der Dinge. Ein verstandnissvolles Nicken, weitere nette, ausschweifende Worte und dann die Aufforderung, doch das Moeglichste aus des schwierigen Situation zu machen. Ein Wort gibt das andere und endlich darf etwas direkter gerdet werden, dass sie doch schon heute den Stempel und die Unterschrift in den Pass druecken sollen. Ein Warten, so tun, als ob wir mehr Zeit haetten als sie und nach einer gewissen Zeit sich wieder nach dem Pass und dem Verlauf des Geschaeftes erkundigen. Spaeter einmal den immer noch leeren Pass zeigen und fragen, ob der nicht bald voll sein koennte. Es kommt zu einem Gespraech, es wird etwas persoenlich, Zeit fuer einen Witz und schon ist man Freunde. Nun geht es schnell. Die Papiere kommen aus der Schublade, ein paar Griffe in die Tasten, Tinte aus dem Faesschen und Stempel rein in den Pass. So waren die buerokratischen Huerden doch nicht so hoch wie wir sie uns am Vortag noch vorgestellt hatten.

Mit der Buerokratie und seinen Auswuechsen beschaeftig man sich sicher nicht nur hier in Kolumbien. Was aber ein typisch kolumbianiosches Problem zu sein scheint, ist die Kriminalitaet und der ?Guerillakampf?. Auch damit machten wir so unsere Erfahrungen.

Oft wollen die Leute gar nicht darueber sprechen. Doch wer erzaehlt, der erzaehlt schreckliches. Der Militaerdienst ist obligatorisch, so dass jeder 18 jaehrige Kolumbianer 1.5 Jahre ins Militaer muss. An die fuenf Monate bleiben die Jungs oft im Tschungel und kommen waehrenddessen nur aeusserst selten in Kontakt mit der Zivilisation. Strom gibt es keinen. Licht darf in der Nacht wegen des Feindes nicht gemacht werdern. Es regnet. Es ist matschig. Gewaschen wird im Fluss. Es muessen unmenschliuche Bedingungen sein. Und dazu leben die Jungs in staendiger Angst vom den ?Guerillas? angegriffen zu werden. Guerillas, die durch den Drogenhandel unheimliche Geldreserven zur Verfuegung haetten und eigentlich immer besser ausgeruester sind, als die Leute vom staatlichen Militaer.

Kehrt ein solcher 19 jaehriger Soldat nach Monaten im Tschungel wieder einmal in die Zivilisation zurueck, brennen ihm oft alle Sicherungen durch. Waehrend der Zeit im Tschungel bekommen die Militaers nur einen Zehntel ihres Lohnes ausbezahlt. Zurueck in der Stadt verfuegen sie ploetzlich ueber vier, fuenf volle Monatsloehne. Geld, mit dem sie ihre traumatischen Erlebnisse toeten. Alkohol, Frauen und Drogen fressen das in fuenf Monaten verdiente Geld oft an drei Abenden auf.

80'000 Soldaten soll das kolumbianische Militaer haben. Bei einer Bevoelkerung von etwas mehr als 40 Millionen Bewohnern macht dies 0,02% der Bevoelkerung aus. Die Schweiz hat 7 Millionen Leute. Welchen Prozentsatz ist Armeeangehoerig? Ist der Prozentsatz in der freidlichen Schweiz vielleicht sogar hoeher als im kriegerischen Kolumbien?

Vom schwellenden innerkolumbianischen Konflikt ist hier im Lande leider oft etwas zu merken. An jeder groesseren und wichtigeren Bruecke stehen Militaers. Sie versuchen Attentate zu verhindern. Oft ist es ihnen langweilig, so dass zwei Velofahrer eine dankbare Abwechslung in ihrem monotonen Tagesablauf sind und wir angehalten werden. Nach einigen neugierigen Fragen, ein paar dummen Spruechen und einem Handschlag geht fuer uns die Fahrt jeweils wieder weiter.

Alex erzaehlte uns am ersten Abend in Cali, dass es am Vorabend in seiner Wohnung ploetzlich ?chlepfte?. Er schoss hoch und ging hinaus. In der Ecke seines Wohnblockes lag ein Toter am Boden. Er wurde soeben von einem vorbeifahrenden Motofahrer erschossen.

Diese Motomoerder sind hier sehr verbreitet. Auf Befehl legen sie dir deine Feinde um. Etwas Geld und sie ruecken aus. Sie heissen Sicarios und kaemen praktisch immer ungeschohren davon. Toeten ist ihr Geschaeft, welches sie meisterlich verstehen.

Text? Doch geben diese Schreckens- schilderung ein falsches Bild der kolumbianischen Realitaet wieder. Es waere schade, wenn wir dieses Land nur des Konfliktes wegen nicht bereisen wuerden. Wir in Europa hoeren eben nur die Schreckensgeschichten, die sich ja auch besser verkaufen lassen. Und ausserdem nennen viele Leute die hiesigen Rebellengruppen nicht ?Guerilleros?, sondern bezeichnen sie als ?Rebellen?. ?Guerilleros? verfolgen ein klares politisches Ziel im Sinne der einfachen Bevoelkerung. Die kolumbianischen ?Guerilleros? haben wohl vor Jahrzehnten einmal so begonnen, konzentrieren sich aber seit Jahren nur noch auf das Drogengeschaeft. Die Interessen der Bevoelkerung sind stark in den Hintergrund gerueckt oder gingen ganz vergessen. Doch laesst sich eine Meldung zum Guerillakampf besser verkaufen als einen ueber Rebellengruppierungen....

Text? Fuer uns Europaere besteht Kolumbien oft nur aus wenigen Stichworten. Die ?Guerillas? sind in aller Munde, vielleicht weiss jemand noch etwas zu den schoenen Kolumbianerinnen zu erzaehlen und ganz sicher kennt ein jeder der beruehmte kolumbianische Kaffee. Waehrend Tagen fuhren wir nun durch das Kaffeeanbaugebiet schlechthin. Tausende von Kaffeebaeumchen saeumten den Weg und kamen wir mit den Leuten in Kontakt, so wurde uns immer gleich ein Tinto, einen leckeren schwarzen Kaffee, angeboten.

Bekannt als der beste Kaffee weltweit, lassen wir es uns nun natuerlich nicht entgehen, auch davon zu profitieren. Wir erstanden uns ein Kaffeesieb und bereiten uns nun in allen moeglichen Situationen einen Kaffee zu. Wer zuerst aufsteht, wirft den Kocher an und kocht Kaffeewasser. Werden wir unterwegs verregnet, suchen wir uns einen Unterstand und kochen Kaffeewasser. Und noch bevor wir am Abend das Zelt aufbauen und uns von den verschwitzten Velokleider entledigen, kochen wir Kaffeewasser. Unser Koffeinpegel wuerde wohl schon als Doping gelten.....

Heute goennten wir uns einen Ruhetag hier in Manizales. Manizales gilt als die Kaffeehauptstadt Kolumbiens, so dass wir neben eines langen Internetbesuches vor allem eines taten ? Kaffee trinken. Morgen geht es nun schon wieder weiter. Wir umfahren die Grossstadte Medellin und Bogota und werden die ruhigen Nebenstrassen als unsere Reisewege auswaehlen. In zwei Wochen sollten wir die Grenze zu Venezuela erreichen.

Gruss Chrigu
Manizales, Colombia