> Abhandlung ueber den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen - Jean-Jaques Rousseau




Widmung
An die Republik von Genf

S.9
Mit der Freiheit steht es wie mit den schweren und kraeftigen Speisen oder mit den sarken Weinen, die geeignet sind , die robusten Naturen, die an sie gewoehnt sind, zu naehren und zu staerken, waehrend sie die Schwachen und Empfindlichen, die nicht fuer sie geschaffen sind, ueberwaeltigen, zugrunderichten und trunken machen.

Sind die Voelker einmal an Herrschaft gewoehnt, so sind sie nicht mehr imstande, sie zu entbehren. Wenn sie versuchen, das Joch abzuschuetteln, entfernen sie sich um so mehr von der Freiheit, als sie diese mit einer uneingeschraenkten Zuegellosigkeit verwechseln, die der Freiheit entgegengesetzt ist, und ihr Revolutionen sind daher fast immer Verfuehren ausliefern, die ihre Ketten nur noch schwerer machen.


Abhandlung
Einleitung

S.31
Ich erkenne in der menschlichen Gattung zwei Arten von Ungleichheit : die eine, welche ich die natuerliche oder physische nenne, weil sie von der Natur eingerichtet ist, und die im Unterschied des Alters, der Gesundheit, der Kraefte und der Eigenschaften des Geistes oder der Seele besteht ; die andere, die man die gesellschaftliche oder politische Ungleichheit nennen kann, weil sie von einer Art Uebereinkunft abhaengt und durch die Zustimmung der Menschen eingerichtet oder wenigstens gebilligt wird.

S.33
Die Religion befiehlt uns zu glauben, dass die Menschen, nachdem Gott selbst sie unmittelbar nach ihrer Erschaffung aus dem Naturzustand herausgefuehrt hat, ungleich sind, weil er gewollt hat, dass sie es seien.

S.34
Oh Mensch, aus welcher Weltgegend du auch seist, wie deine Meinungen auch immer sein moegen, so hoere ! Dies ist deine Geschichte, wie ich sie zu lesen glaubte, nicht in den Buechern von deinesgleichen, die Luegner sind, sondern in der Natur, die niemals luegt.


Erster Teil

S.40
Das sind die Beweise dafuer, dass die meisten unserer Leiden unser eigenes Werk sind und dass wir sie fast alle haetten vermeiden koennen, wenn wir die Lebensweise – einfach, gleichfoermig und allein zu leben – beibehalten haetten, die uns von der Natur verordnet wurde.

S.41
...dass man leicht die Geschichte der menschlichen Krankheiten schreiben koennte, indem man der Geschichte der zivilen Gesellschaft folgt.

S.42
Das Pferd, die Katze, der Stier, sogar der Esel haben in den Waeldern meistens einen hoeheren Wuchs und allgemein eine robustere Verfassung, mehr Kraft, Staerke und Mut als in unseren Gehoefen ; sie verlieren die Haelfte dieser Vorzuege, indem sie zu Haustieren werden, und man koennte sagen, alle unsere Sorgfalt, diese Tiere gut zu behandeln und zu ernaehren, fuehre nur dazu, dass sie entarten. Ebenso steht es mit dem Menschen.

S.43
Da der Wilde allein, muessig und stets der Gefahr nahe lebt, muss er gerne schlafen und einen leichten Schlaf haben wie die Tiere, die wenig denken und daher sozusagen die ganze Zeit ueber schlafen.

S.44
Bei dern Verhaltensweisen der Tiere tut die Natur allein alles, waehrend der Mensch bei den seinen als frei Handelnder mitwirkt.

So ueberlassen sich die ausschweifenden Menschen Exzessen, die bei ihnen Fieber und Tod verursachen, weil der Geist die Sinne verdirbt und der Wille noch spricht, wenn die Natur schweigt.

S.47
Der Wilde, der jeder Art von Erkentnisvermoegen beraubt ist, empfindet nur die Leidenschaften dieser letzten Art. Seine Begierden gehen nicht ueber seine physischen Beduerfnisse hinaus.

Niemals wird das Tier wissen, was sterben ist ; und die Kenntnis des Todes und seine Schrecken ist eine der ersten Errungenschaften, die der Mensch gemacht hat, als er sich von dem tierischen Zustand entfernte.

Bei allen Voelkern der Welt stehen die Fortschritte des Geistes genau im Verhaeltnis zu den Beduerfnissen, welche die Voelker von der Natur empfangen oder denen Umstaende sie unterworfen haben, und folglich auch zu den Leidenschaften, die sie dazu getrieben haben, die Beduerfnisse zu befriedigen.

Ich wuerde bemerken, dass allgemein die Voelker des Nordens fleissiger sind als die des Siedens, weil sie weniger darauf verzichten koennen, es zu sein ; als ob die Natur die Dinge dadurch ausgleichen wollte, dass sie den Geisteskraeften die Fruchtbarkeit gibt, die sie dem Boden verweigert.

S.48
Die Seele des Wilden, die durch nicht beunruhigt wird, gibt sich dem blossen Gefuehl ihres gegenwaertigen Daseins hin, ohne irgendeinen Gedanken an die Zukunft, wie nahe diese auch sein mag.

S.52
Wenn man sagt, die Mutter spreche dem Kind die Woerter vor, derer es sich bedienen muss, um von ihr diese oder jene Sache zu verlangen, so zeigt das wohl, wie man bereits ausgebildete Sprachen lehrt, aber es erklaert keineswegs, wie sie sich bilden.

Wenn die Menschen die Sprache benoetigten, um denken zu lernen, so hatten sie es noch viel noetiger, denken zu koennen, um die Kunst der Sprache zu erfinden.

S.55
Der Wortschatz wurde um so ausgedehnter, je eingeschraenkter die Kenntnisse waren.

S.56
Wenn also die ersten Sprachstifter nur den Vorstellungen, die sie schon hatten, Namen geben konnten, so folgt daraus, dass die ersten Substantive nie etwas anderes als Eigennamen gewesen sein koennen.

S.58
Ich frage, welches Leben, das zivilisierte oder das natuerliche, staerker dazu neigt, denen unertraeglich zu werden, die es geniessen.

S.59
Der Mensch besass im Instinkt allein schon alles, was er brauchte, um im Naturzustand zu leben ; in einer ausgebildeten Vernunft besitzt er nur, was er braucht, um in Gesellschaft zu leben.

S.61
Ein Tier geht nicht ohne Unruhe an einem toten Tier seiner Art vorbei.

S.62
Die weichsten Herzen dem Menschengeschlecht zu geben, bekennt die Natur, indem sie die Traenen uns gab.

S.64
Das Mitleid veranlasst uns, ohne zu ueberlegen denjenigen Hilfe zu leisten, die wir leiden sehen ; es vertritt im Naturzustand die Stelle der Gesetze, der Sitten und der Tugend, mit dem Vorteil, dass niemand versucht sie, seiner suessen Stimme den Gehorsam zu verweigern.

Handle andern gegenueber, so wie du willst, dass man dir gegenueber handele. Matthaeus VII sowie Lukas VI

S.65
Ihre (den Wilden) Auseinandersetzungen haetten selten blutige Folgen gehabt, wenn es dafuer keinen empfindlicheren Gegenstand gegeben haette als die Nahrung.

S.69
Die Generationen folgten nutzlos aufeinander, und indem jede von demselben Punkt ausging, verfolssen die Jahrhunderte in der ganzen Roheit der ersten Zeiten ; die Gattung war schon gealtert, doch der Mensch blieb immer noch ein Kind.

So geht eine kraeftige oder zahrte Koerperbildung und die Staerke oder die Schwaeche, die davon abhaengen, oft mehr auf die harte oder weichliche Weise zurueck, in der man erzogen worden ist, als auf die urspruengliche Koerperbeschaffenheit.

Wenn ein Riese und ein Zwerg auf denselben Strassen gehen, wird jeder Schritt, den sie beide tun, dem Riesen einen Vorsprung verschaffen.

S.71
Es ist unmoeglich, einen Menschen zum Knecht zu machen, ohne ihn vorher in die Lage versetzt zu haben,, dass er nicht ohne einen anderen auskommen kann.


Zweiter Teil

S.74
Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Fruechte allen gehoeren und dass die Erde niemandem gehoert.

S.80
Man war ungluecklich, wenn man sie (die Bequemlichkeiten) verloren hatte, ohne gluecklich zu sein, wenn man sie besass.

S.81
Dies ist genau die Entwicklungsstufe, welche die meisten der uns bekannten wilden Voelker erreicht haben ; und nur weil manche die Begriffe ungenuegend unterschieden und nicht bemerkt haben, wie weit diese Voelker bereits von dem ersten Naturzustand entfernt waren, haben sie sich zu schliessen beeilt, der Mensch sei von Natur aus grausam und benoetige die politische Ordnung, um sanft gemacht zu werden. Hinggegen ist doch nichts so sanft wie der Mensch in seinem urspruenglichen Zustand.

Denn nach dem Gesetz des weisen Locke « kann es kein Unrecht geben, wo es kein Eigentum gibt ».

S.81
Obgleich die Menschen nun weniger widerstandsfaehig waren und das natuerliche Mitleid bereits einige Veraenderungen erlitten hatte, muss dieses Stadium der Entwicklung der menschlichen Faehigkeiten, indem es die richtige Mitte zwischen der Traegheit des urspruenglichen Zustandes und der ungestuemen Aktivitaet unserer Eigenliebe hielt, wohl die gluecklichste und dauerhafteste Epoche gewesen sein. Je mehr man darueber nachdenkt, desto mehr wird man finden, dass dieser Zustand am wenigsten zu Umwaelzungen neigte und der beste fuer den Menschen war und dass der Mensch ihn nur infolge irgendeines unheilvollen Zufalls verlassen haben kann, der – um des allgemeinen Nutzens willen – niemals haette eintreten duerfen. Das Beispiel der Wilden, die man fast alle an diesem Punkt angetroffen hat, scheint zu bestaetigen, dass das Menschengeschlecht dazu geschaffen war, fuer immer darin zu verbleiben ; dass dieser Zustand die eigentliche Jugend der Welt war ; und dass alle weiteren Fortschritte scheinbar ebenso viele Schritte zum Verfall der Gattung waren.

S.82
Solange sie (die Menschen) sich nur Arbeiten zuwandten, die einer allein ausfuehren konnte, und nur solchen handwerklichen Kuensten, die nicht des Zusammenwirken mehrerer Haende noetig machten, lebten sie so frei, gesund, gut und gluecklich, wie sie es ihrer Natur nach nur sein konnten, und genossen untereinander weiterhin die Wonnen eines unabhaengigen Umgangs miteinander.

Aber von dem Augenblick an, da ein Mensch die Hilfe eines anderen benoetigte, und sobald man gewahr wurde, dass es einem einzelnen nuetzlich ist, Vorraete fuer zwei zu haben, verschwand die Gleichheit, das Eigentum kam auf, die Arbeit wurde zur Notwendigkeit, und die ausgedehnten Waelder verwandelten sich in anmutige Felder, die mit dem Schweiss der Menschen begossen werden mussten und auf denen man bald die Sklaverei und da Elend keimen und wachsen sah.

Vielleicht einer der wichtigsten Gruende dafuer, dass Europa, wenn auch nicht frueher, so doch zumindest bestaendiger und besser zivilisiert ist, als die andern Weltteile, liegt darin, dass es zugleich der reichste an Eisen und der fruchtbarste an Getreide ist.

S.87
Das Eigentumsrecht unterscheidet sich von dem Recht, welches sich aus dem natuerlichen Gesetz ergibt.

Auf diese Weise entfaltet sich die natuerliche Ungleichheit unmerklich mit derjenigen, die daraus resultiert, dass die Menschen in Verbindung untereinander stehen, und die Unterschiede zwischen den Menschen, die sich durch die Verschiedenheit der Umstaende entwickelt haben, werden spuerbarer, dauerhafter in ihren Auswirkungen, und beginnen im selben Masse das Schicksal der einzelnen zu beeinflussen.

S.88
Auf der andern Seite ist der Mensch, der zuvor frei und unabhaengig war, nur durch eine Vielheit neuer Beduerfnisse sozusagenn der gesamten Natur untertan, und besonders seinen Mitmenschen, derer Sklave er in gewissem Sinne wird, selbst wenn er zu ihrem Herrn wird : ist er reich, so benoetigt er ihre Dienste, ist er arm, so benoetigt er ihre Unterstuetzung, und auch mittelmaessiger Besitz setzt ihn durchaus nicht in den Stand, ohne sie auszukommen.

S.89
Schliesslich gibt der verzehrende Ehrgeiz, der Eifer, sein Vermoegen im Vergleich zu andern zu mehren – weniger aus einem wirklichen Beduerfnis, als um sich ueber die andern zu stellen -, allen Menschen eine finstere Neigung ein, sich gegenseitig zu schaden..

S.90
Auf die Zerstoerung der Gleichheit folgt die fuerchterlichste Unordnung. So liessen die Usurpationen der Reichen, die Raubtaten der Armen, die zuegellosen Leidenschaften aller, indem sie das natuerliche Mitleid und die noch schwache Stimme der Gerechtigkeit erstickten, die Menschen geizig, ehrsuechtig und boese werden.

S.91
Der Reiche ersann sich schliesslich in seiner Not (sein Hab zu schuetzen) den durchdachtesten Plan, der jemals in den menschlichen Geist gekommen ist : Dieser bestand darin, gerade die Kraefte derjenigen, die ihn angreiffen, zu seinen eigenen Gunsten zu gebrauchen, aus seinen Gegnern seine Verteidiger zu machen, ihnen nandere Grundsaetze einzufloessen und ihnen andere Einrichtungen zu geben, die fuer ihn ebenso vorteilhaft werden sollten, wie ihm (dem Reichen) das Natrurecht entgegenstand.

S.92
"Verteidigen wir uns », sagte er (der Maechtige) zu ihnen (den Schwachen), « um die Schwachen vor Unterdrueckung zu schuetzen, die Ehrgeizigen im Zaum zu halten und jedem den Besitz dessen zu sichern, was ihm gehoert : Lasst uns Vorschriften ueber Gerechtigkeit und Frieden einfuehren, nach denen alle verpflichtet sind sich zu richten, die ohne Ansehen der Person gelten und die gezissermassen die Launen des Gluecks wiedergutmachen, indem sie in gleicher Weise den Maechtigen wie den Schwachen gegenseitigen Pflichten unterwerfen. Mit einem Wort, statt unsere Kraefte gegen uns selbst zu kehren, lasst sie uns zu einer hoechsten Gewalt vereinen, die uns nach weisen Gesetzen regiert, die alle Mitglieder der Gesellschaft schuetzt und verteidigt, die gemeinsame Feinde abwehrt und uns in einer ewigen Eintracht erhaelt. "

Alle rannten auf ihre Ketten los und glaubten, sie wuerden ihre Freiheit sichern ; denn obgleich sie genuegend Vernunft besassen, um die Vorteile einer politischen Ordnung zu bemerken, besassen sie doch nicht genuegend Erfahrung, um deren Gefahren vorherzusehen. Diejenigen aber, die am deutlichsten den Mmissbrauch voraussehen konnten, waren es gerade, die daraus Voteil zu ziehen gedachten ; sogar die Weisen sahen, dass sie sich dazu entschliessen mussten, einen Teil ihrer Freiheit zur Erhaltung des andern zu opfern, so wie ein Verwundeter sich den Arm abnehmen laesst, un den Ueberigen Koerper zu retten.

S.93
So war, oder so muss der Ursprung der Gesellschaft und der Gesetze gewesen sein, die dem Schwachen neue Fesseln anlegten und dem Reichen neue Kraefte gaben, die unwiederbringlich die natuerliche Freiheit zerstoerten, das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit fuer immer festlegten, aus einer geschickten Usurpation ein unwiderrufliches Recht machten und fuer den Gewinn einiger Ehrgeiziger fortan das gesamte Menschengeschlecht der Arbeit, der Knechtschaft und dem Elend unterwarfen.

S.94
Die rechtschaffenden Leute lernten, es zu ihren Pflichten zu rechnen, ihre Mitmenschen hinzumorden.

S.95
Die Armen hatten nichts zu verlieren als ihre Freiheit.

S.96
Nun ist in den Beziehungen von Mensch zu Mensch das Schlimmste, was dem einen widerfahren kann, sich der Willkuer des andern ausgeliefert zu sehen.

S.97
Es ist somit unbestreitbar, und es ist die Ggrundregel des gesamten politischen Rechts, dass sich die Voelker Oberhaeupter gegeben haben, damit diese ihre Ffreiheit verteidigen, und nicht, damit sie die Voelker versklaven ; « Wenn wie einen Fuersten habe », sagte Plinius zu Trajan, « dann dafuer, dass er uns davor bewahrt, einen Herrn zu haben. »

Mit der Freiheit ist es ebenso bestellt wie mit der Unschuld und der Tugend, derer Wert man nur insoweit empfindet, als man sie selbst besitzt, und fuer die sich der Geschmack verliert, sobald man sie verloren hat.

S.98
Ich meine, dass es Sklaven nicht zusteht, ueber Freiheit zu urteilen.

Die Dankbarkeit ist ganz gewiss eine Pflicht, die man erfuellen muss, aber nicht ein Recht, dass man fordern kann.

S.101
Das Kind einer Sklavin werde als Sklave geboren.

S.103
Wenn der Magistrat, der alle Macht in Haenden haelt und der sich alle Vorteile des Vertrages aneignet, dennoch das Recht haette, sich von der Autoritaet loszusagen, dann muesste das Volk, das fuer alle Fehler der Oberhaeupter bezahlt, um so mehr das Recht haben, sich von der Abhaengigkeit loszusagen..

Wie noetig war es fuer die oeffentliche Ruhe, dass der goettliche Wille eingriff , um der souveraenen Autoritaet einen heiligen und unverletzlichen Charakter zu verleihen, der den Untertanen das verhaengnissvolle Recht nahm, ueber sie zu verfuegen.

S.105
Wenn wir die Ausbreitung der Ungleichheit durch die verschiedenen Umwaelzungen hindurch verfolgen, so werden wir finden, dass die Einfuehrung des Gesetzes und des Eigentumsrecht ihre erste Stufe war ; dass die Einrichtung des Magistratamtes die zweite und die Verwandlung der rechtmaessigen Gewalt in eine willkuerliche die dritte und letzte Stufe war. Auf diese Weise wurde der Status von reich und arm durch die rste Epoche gerechtfertigt, jene von maechtig und schwach durch die zweite und durch die dritte der von Herr und Sklave, welcher der letzte Grund der Ungleichheit ist und der Endpunkt, auf den alle anderen hinauslaufen, bis neue Umwaelzungen die Regierung voellig aufloesen oder sie den rechtmaessigen Verhaeltnissen wieder annaehern.

S.106
Da sie (die Buerger) mehr unter sich als ueber sich sehen, wird ihnen die Herrschaft lieber als die Unabhaengigkeit, und sie willigen ein, Ketten zu tragen, um auch ihrerseits anderen welche anlegen zu koennen.

Es ist schwer, denjenigen zum Gehorsam zu noetigen, der nicht zu befehlen trachtet.

S.107
Weil der Reichtum am unmittelbarsten dem Wohlbefinden nuetzt und am leichtesten uebertragbar ist, bedient man sich seiner mit Leichtigkeit, um alles uebrige zu kaufen.

S.112
Der wilde Mensch sehnt sich nur nach Ruhe und Freiheit.

Der immmerzu taetige Buerger hingegen schwitzt, hetzt sich ab, quaelt sich ohne Unterlass, nur um sich noch muehsamere Beschaeftigungen zu suchen.

Der taetige Buerger muesste lernen, dass es eine Art von Menschen gibt, denen die Beachtung durch den Rest der Welt etwas bedeutet, die es verstehen, eher aufgrund des Zeugnisses von andern als aufgrund ihres eigenen glueklich und zufrieden mit sich selbst zu sein.

Der Wilde lebt in sich selbst ; der gesellschaftliche Mensch ist immer ausserhalb seiner selbst und weiss nur in der Meinung der anderen zu leben.

S.113
Wir fragen immer die andern danach, was wir sind, und niemals wagen, in uns selbst danach zu forschen.

Die Ungleichheit, die im Naturzustand fast gleich null ist, ihre Kraft und ihr Wachstum aus der Entwicklung unserer Faehigkeiten und den Fortschritten des menschlichen Geistes bezieht und schliesslich durch die Einfuehrung des Eigentums und der Gesetze dauerhaft und rechtmaessig wird.

S.116
Wir haben die Gewohnheit verloren, die Seele zu gebrauchen ; sie bleibt ungeuebt inmitten des Getuemmels unserer koerperlichen Empfindungen.