10 Januar 2004 - Punta Arenas, Chile
Hallo Freunde
Heute gibts wieder nur ein Massenmail. Ich darf immer so viele Mail erhalten,
dass ich mir langsam die Fingerspitzen wund tippe. Drum - vielleicht beim
naechsten Mal wieder etwas persoenlicher.
Von Ushuaia hatte ich bald einmal genug und war dann froh, dass ich mich
kurz nach Neujahr wieder auf mein Rulo schwingen konnte und in Richtung Norden
los fuhr. Ich plante mit einer Woche pedalen bis Punta Arenas. Doch es dauerte
doppelt so lange. Es kamen ein paar Sachen dazwischen. Da waren zwei Belgier,
vier Voegel und tausende von Schafen.
Schon am ersten Tag nach Ushuaia durfte ich was ganz spezielles erleben.
Ich traf auf dem Weg zwei Velofahrer. Paul, 66jaehrig und Jos, 57jaehrig.
Paul ist auf einem Auge halb blind und Jos lag zehn Tage vor ihrem Abflug
noch im Spital und liess sich eine Herzkranzerweiterung machen. Nun pedalen
sie richtung Mexico. Da ich kein Geld fuer das Hotel ausgeben wollte lud
mich Jos ein und bezahlte mir auch noch gleich das Nachtessen. Er verdiene
eben dreimal mehr an seiner Rente in Belgien als er hier in Argentinien ausgeben
kann! So hatte ich gar kein schlechtes Gewissen, dieses Angebot anzunehmen.
Leider fuehlte sich Paul am naechsten Tag krank und so pedalte ich alleine
weiter.
Bald darauf ueberquerte ich die Grenze nach Chile. Ich fuhr zum Lago Blanco
und traf dort auf Deutsche und Schweizer, die ich schon in Ushuaia getroffen
habe. Der See war herrlich, wir fischten und assen herrlich frischen Lachs.
Am Ufer des Lago Blanco ragte ein Berg empor und so beschlossen Didi und
ich, diesn Berg zu erwandern. Ueber Suempfe und umgefallene Baeume kamen
wir ueber die Baumgernze raus, wo sich uns eine herrliche Sicht auf tat.
Und da sahen wir sie - Kondore!! Vier Kondore kreisten in wenigen Metern
abstand ueber unseren Koepfen und beobachteten uns, so wie auch wir sie bewunderten,
wie sie sich in den Lueften treiben liessen. Als ich einen Freudensschrei
ausstiess entfernten sie sich etwas und oben auf dem Gipfel angekommen sahen
wir sie noch in der Ferne ihre Kreise ziehen. Die Aussicht war ueberwaeltigend!!
Auf der chilenischen Seite fuhr ich nun immer oefters an Estancias vorbei.
Als mich der Wind wieder einmal stoppte und ich fuer ein Nachtlager anfragen
wollte, traf ich auf eine Schafszeichnung. Ich stellte mich daneben, schaute
zu, holte dann die Kamera, knipste einige Bilder, als mich ploetzlich der
Chef ansprach, ob er ein Foto von mir machen soll, wie ich so ein Schaf am
hochheben sei. Er dachte da wohl an ein gestelltes Bild. Doch da lag er falsch.
Ich zog meine aeltesten Kleider an und packte zu. Am Schluss wurden aus diesem
Spass vier Tage harte Arbeit. Morgens um 7Uhr ging es los und um 1830Uhr
kehrten wir mit Rueckenschmerzen ins Haus zurueck. Ich bekam auch einen Lohn
bezahlt. 18 Schweizerfranken am Tag!!!!
Bei der Schafszeichnung werden zuerst die Schafe von den Gauchos auf ihren
Pferden und mit den Hunden zusammen getrieben und in einen Pferch gesperrt.
Anschliessend werden alle Tiere durch einen Kanal gejagt, wo die Laemmer
von den Muettern getrennt werden. Tragische Szenen spielten sich ab - die
Laemmer rannten sich die Koepfe an der Absperrung ein und die Muetter irrten
umher und bloekten wie wild auf der Suche nach dem verlorenen Kind.
Die Laemmer sperrten wir ein einen kleinen Pferch und nun kam ich zum Zug.
Ich stuerzte mich auf eines dieser kleinen Tiere, packte es an den Hinterbeinen,
klemmte die Vorderbeine under meine Arme, drueckte den Schafsruecken an meine
Brust, hob das kleine Wesen auf und setzte es auf ein Gatter. Nun ging es
schnell - aus beiden Ohren wurde ein Stueck Haut rausgeknipst, in den Mund
bekamen sie einen Vitamintrunk eingespritzt, waehrend ein weiterer Arbeiter
ein Gummi um den Schwanz wickelte. Dabei strampelten die Laemmer mit aller
Kraft und ich hielt mit aller Kraft entgegen. Anschliessend kehrte ich das
Lamm auf den Bauch. Die Maennchen bekamen einen roten Punkt auf den Ruecken
gemalt, die Weibchen einen gruenen, waehrend ihnen ein Insektizid in das
Fell geimpft wurde. Sobald alle Laemmer im Pferch diese Prozedur hinter sich
hatten wurden sie wieder durch diesen Kanal gejagt und nach Geschlecht getrennt.
Am Ende des Tages jagten wir dann die kleinen Geschoepfe auf die Weide wo
sie sich nun fett fressen sollen, denn wir wollen ja spaeter auch was zum
beissen haben...
Es war eine harte und schmutzige Arbeit. Von den Ohren tropfte immer Blut
auf mein Hemd und vom Fell wurde ich ganz fettig. Hosen und Hemd waren nach
diesen vier Tagen steiff, stinkten haesslich und als ich meine Kleider heute
morgen von der Waescherei abholte, stellte ich fest, dass der Dreck nicht
ganz aus den Kleider rausgewaschen werden konnte.
Im Verhaeltnis zu andern Estancias war dies noch eine kleine. Wir hatten
nur 10'000 Mutterschafe und 7'000 Laemmchen. Meistens waren wir fuenf Arbeiter,
die die Laemmchen hochstemmen mussten. Wenn ich bedenke, dass so ein Lamm
gut 20kg wiegt und ich sicher 1500 Laemmchen hochgestemmt habe, so hob ich
doch in diesen vier Tagen ganze 30 Tonnen auf eine Hoehe von etwas mehr als
einem Meter hoch.... Velofahren in patagonischen Wind ist dagegen ein Nichts!
Nun, es gaebe noch ein paar Sachen zu schreiben. Ich darf hier so viele aussergewoehnliche
Sachen erleben, dass ich einfach nicht alles ausdruecken kann. Und in Worte
kann ich meine Erlebnisse eh kaum fassen. Leider.
Das war wieder ein Kapitel aus Chrigus Abenteuer in Suedamerika. Wies weiter
geht wissen wir nicht. Doch ich weiss, dass es weiter gehen wird. Ich weiss
auch, dass neue, aussergewoehnliche Erlebnisse dort draussen in der Natur
auf mich warten. Und darauf freue ich mich und es gibt mir Kraft, wieder
aufs Velo zu sitzen und gegen den Wind anzukaempfen.
Liebe Leute, ich hoffe, dass auch ihr eure Zeit geniessen koennt und wuensche
euch alles Gute.
Gruss Chrigu
Punta Arenas, Chile