3 November 2004 - Cochabamba, Bolivien
Hallo Freunde
Meine News sind rar und darum immer etwas lang. Wer nicht alles lesen will,
der soll doch wenigstens die letzten Zeilen lesen. Koennte ganz lustig und
von Interesse sein.
Bolivien hat mich immer noch. Bald werde ich nach La Paz fahren, wo ich bei
Ramiro, meinem Gastbruder, unterkommen werde. Voraussichtlich instaliere
ich mich dann dort fuer fast zwei Monate (wenn ich nicht vorher rausgeschmissen
werde...), um mit ihm und seiner Familie Weihnachten verbringen zu koennen.
Mein Abschied in Uyuni war dann doch noch spannender, als ich es mir vorgestellt
hatte. Obwohl September/Oktober eigentlich nicht mehr Hochsaison war, hatten
wir immer noch sehr viele Touris. Jeder Chauffeur war ausgebucht und so fehlten
ploetzlich zwei Chauffeure. Bei den Taxisten konnten wir einen willigen Fahrer
finden. Wir setzten ihn in ein Jeep und los fuhr er. Doch da war immer noch
ein Jeep und eine Gruppe, die keinen Fahrer hatten. So wendete sich der Colquechef
an mich und meinte, ob ich denn nun wirklich auch Auto fahren koenne. Klar
kann ich das! Er drueckte mir den Schluessel in die Hand und 15min spaeter
fuhr ich mit einer Gruppe Touris auf Tour! Nach fast 14 Monaten ohne je ein
Auto gesteuert zu haben war dies schon etwas komisch... Schluessel rein,
Gas runter und los ging es. Da die bolivianischen Strassen alle nur Schotterstrassen
sind, war der Start schon etwas komisch. Doch mit 80km/h ballerte ich dann
ueber die Landstrasse hin zum Salar. Dort ist ja alles flach und du kannst
fahren, wo du willst, so dass es dann richtig toll ging. Die Touris merkten
auf alle Faelle nicht, dass sies mit nem Gruenschnabel als Chauffeur zu tun
haben....
Den Neustart meiner Tour aus Uyuni weg musste ich dann auch noch etwas verschieben.
Am 1.Okt gabs ein Abschiedsmittagessen mit der Colquefamilie, wo wir so tief
in die Flaschen guckten, dass ich es nicht mehr auf meinen Rulo schaffte....
Als ich dann endlich doch los fuhr, merkte ich meine lange Pause in Uyuni.
Die Sonne verbrannte meine buerobleichen Arme, das Fuedli tat mir bald schon
schrecklich weh und ich kam kaum mehr die Berge hoch! Und Berge hats hier
in Bolivien ja allerhand. So quaelte ich mich durch die Gegend. Unglaublich,
wie hier die Topographie des Landes aussieht. Das Andengestein ist locker
und
so konnten sich die Fluesse hunderte von Metern tief in den Boden fressen.
Dies bedeutet fuer mich hunderte von Hoehenmeter - und dies taeglich. Keine
500m sind flach. Keine 500m geht es gerade aus. Die Wege schlaengeln sich
um die Bergruecken rum oder balancieren sich ueber die Bergkreten. So ging
es dann zum Glueck nur ein paar Tage, bis ich mich auf meinem Rulo wieder
der Alte fuehlte.
Die Gegend hier um Cochabamba, der Chapara, ist das Cocaanbaugebiet schlechthin
in Bolivien. Da dies den US-Amies natuerlich nicht passt, (und nach dem Wahlausgang
von heute wird dies sich auch nicht bald aendern...) werden die Anbauflaechen
strengstens kontrolliert. So fuhr ich entlang der Strasse an mehreren schwerst
bewaffneten Militaers vorbei, ich sah zwei grosse Armeecamps, zwei Helikopter
ueberflogen ploetzlich das Gebiet. Und auch eine Baustelle, wo ich die Nacht
bevor ich hier nach Cochabamba kam verbringen konnte, gehoert in dieses Kapitel.
Da im Versteckten noch immer Kokain produziert wird, kontrollieren sie auch
die Lastwagen beim Verlassen des Chapares. An einer strategisch guenstigen
Stelle, wo der Fels jegliche andere Durchfahrt als eben auf dieser Strasse
verunmoeglicht, wird nun ein Kontrollposten gebaut. Finanziert direkt von
der US Botschaft. Acht Monate haette der Bau dauern sollen; nun sind seit
dem Beginn drei Jahre vergangen. Rene, der Bauleiter, sprach nicht gerade
freundlich ueber die Amis. Man muesse eben lernen, mit dem Feind zu leben.
Bolivien sei nichts anderes als eine Kolonie der USA, so seine Worte.
Aber eben, Kokain bleibt ein Problem in diesem Gebiet. Als ich mit einem
Lastwagenunternehmer sprach, erzaehlte der mir, dass vor Tagen bei ihm im
Lastwagen 27kg Kokain gefunden wurde. Da er die Gartenschlaeuche, wo das
Kokain versteckt war, nur im Auftrag transportierte, hatte dies fuer ihn
keine Konsequenzen. 27kg wurden gefunden, die Ploizei nahm in ihrem Raport
aber nur 22kg auf, was mit den andern Kilos geschieht, koennen wir uns ja
denken....
Eines Abends kam ich in einem kleinen Doerfchen vorbei, wo ich mir ein Getraenk
kaufte. Ich kam mit den Leuten ins Gespraech. Einer fragte mich auffaellig
viel ueber Drogen in der Schweiz aus. Gefragt, wieso ihn dies so sehr interessiere
meinte er, er habe drum waehrend vier Jahren in einem Kokainlabor im Chapare
gearbeitet. Er musste das schon fast fertige Kokain saeubern. Vom Dampf sei
er mehrheitlich total gedrogt gewesen. Als vor fuenf Jahren ein strengeres
Drogengesetz in Bolivien verankert wurde, musste sein Bruder, der Besitzer
des Labors, das Geschaeft aufgeben.
Doch nach Jahren Drogenproduktion hat
sich sein Bruder so viel Geld zur Seite legen koennen, dass er nun nicht
mehr zu arbeiten brauche.
Vom vielen Schwatzen wurde es Nacht und mir wurde ein Nachtlagen
zugewiesen. In der Kirche, neben Altar und zwischen Kirchenbaenken verbrachte
ich diese Nacht.
Lustig war die Fahrt auf den endlich etwas flachen Tieflandstrassen in Bolivia.
So setzte ich mich eines Mittags in ein Restaurant zum Z'mittag. Ich hatte
in anderthalb Tagen 275km zurueckgelegt, worauf ich doch etwas stolz war
- war ich doch wirklich verdammt schnell unterwegs. Da fragte mich ein Mann,
wie lange ich von Santa Cruz bis hier hin nun gebrauch habe. Eineinhalb Tage
meinte ich, als mich dieses Arsch dennoch fragte, wieso ich denn so lange
gebraucht habe.....
Oder war ich in Gedanken versunken am trampeln, als ein Auto neben mir verlangsamte.
Ich schaute rueber und der Fahrer streckte mir mit aller Muehe zwei Orangen
aus dem Fenster zu, wuenschte mir Glueck und fuhr davon.
Oder ein anderes Auto. Sie haetten mich heute schon zweimal ueberholt und
so verlangsamten auch sie beim dritten Mal, ueberholen und hielten dann etwas
vor mir an. Es entstand ein kurzer Schwatz. Sie seinen Shampooverkaeufer
und wuerden nun von Dorf zu Dorf fahren um eben diese Shampoos zu verkaufen.
Da ich ein Shampoo sicher auch noetig habe, schenkten sie mir eine Flasch.
Ob sie mein Beduerfniss wohl gerochen haben...?
Oder der andere Mann. Von weiten sah er mich eine Steigung hoch trampeln.
Die Arme verschraenkt, nickend, die Lippen kraeftig zusammenpressend stand
er am Strassenrand und meinte nur "dale, dale, dale!" - "gib ihm, gib ihm,
gib ihm!"
Unterwegs fuhr ich nach La Higuera. Ein super kleines, mega verlassenes
Doerfchen 12km abseits des Weges. Eigentlich kein Ort um hier hin zu fahren.
Doch 1967, am 8.Okt wurde hier in der Naehe des Doerfchens Che Guevara gefangen
genommen, zur kleinen Schule ueberfuehrt und am folgenden Tag in der Schule
erschossen. Ueberall auf den Hauswaenden ist das bekannte Chegesicht abgebildet.
Es war ein eindruecklicher Ort.
Als ich wieder weiter fahren wollte, kam mir ploetzlich ein Auto entgegen.
Zwei Maenner sprangen raus. Schwer bewaffnet mit Film und Fotokameras. Es
waren Jochen und Sven, zwei deutsche Reporter. Sie seien einen kleinen Dokumentarfilm
ueber Che am drehen aus aktuellem Anlass zum in den europaeischen Kinos laufenden
Che-Film. Ich als Velotourist, deutschsprechend noch dazu, war fuer sie ein
gefundenes fressen. Ich gab Interviews, fuhr hoch, fuhr runter und liess
mich von ihnen ueberreden, sie noch ein paar Tage bei den Dreharbeiten zu
begleiten.
Nun soll da natuerlich auch etwas ausgestrahlt werden. Der Kulturweltspiegel
auf der ARD habe Interesse angemeldet, am 7.11. soll Sendung sein. Sie muessen
das Material erst sehen, dann entscheiden sie, ob und was wirklich gesendet
wird. Doch es koennte nun gut sein, dass ich diesen Sonntag ueber die deutschen
Fernsehbildschirme flimmern werde... Dann seht ihr euren Chrigu live vor
der Kamera mitten in Bolivien!!! Das muss ja ein Gaudi sein! Das moechte
auch ich ganz gerne sehen...
So wuensche ich euch allen alles Gute, viel Spass bei der Sendung am Sonntag
und einen nicht all zu nebligen Herbst. Hier ist es warm, ja sogar super
heiss, dass ich sogar beim nichts-tun schwitze. Schlimmer ists auf dem Rulo...
Gruss Chrigu
Cochabamba, Bolivia