10 April 2004 - Temuco, Chile
Hallo Freunde
Ich haette es eigentlich wissen sollen. In einem Klimabeschrieb zu chiles
Sueden habe ich mehrmals gelesen: ?Regen ist ganzjaehrig moeglich. Die regenreichste
Zeit ist von April bis Oktober mit Schwerpunkt April und Mai?. Ich schenkte
diesem Beschrieb nicht grosse Aufmerksamkeitund liess mir auf meiner Reise
Zeit. Wohl etwas zu viel. Denn nun ist es April, ich bin immer noch in diesem
Sueden und es regnet. An den letzten drei Velotagen waren Regenpausen selten.
Am Wegrand ragten majestaetische Vulkane in den Himmel. Ich haette sie gesehen,
waeren da die Wolken nicht gewesen....
Doch alles der Reihe nach. Einen Monat ist vergangen, seit ich Esquel verlassen
habe. Bis hier nach Temuco waren es 800km. Eine Strecke, die ich eigentlich
in wenigen Tagen haette fahren koennen. Doch es waren schoene und wertvolle
Bekanntschaften, die mich zurueckhielten.
Es war in El Bolson. Auf der Suche nach einem Nachtlager im Freien fuhr ich
ein Stueck aus dem Staedtchen raus. Bei einem der letzten Haeuser klopfte
ich, um meine Wasserflaschen aufzufuellen. Gustavo oeffnete mir die Tuer
und bat mich gleich in die Kueche, wo wir bei einem Mate uns kennenlernten.
Er und seine Frau Mariana arbeiten beim Club Andino und so kam es, dass sie
mir allerhand Interessantes ueber die verschiedenen Trekkingtouren hier in
der Gegend erzaehlten. Es toente schoen. Ich konnte nicht widerstehen und
am naechsten Tag brach ich mit einem von ihnen ausgeliehenen Rucksack zu
einem viertaegigen Trekking auf. Aus vier Tagen wurden dann letztendlich
sechs. Da versteht es sich, dass das Essen etwas gar knapp wurde. Doch was
ich zu sehen bekam, entschaedigte mich fuer alle Strapazen. Glasklare Baeche,
hoch aufragende Felsen, Bambuswaelder und uralte Baeume. Ich lief an Baeumen
vorbei, die bis zu 2500 Jahre alt sein sollen. Verstaendlich, dass ich mich
neben diesen Riesen als kleiner Zweg fuehlte.
Zurueck von der Wanderung verbrachte ich weitere zwei Tage zusammen mit Mariana
und Gustavo, bevor ich weiter nach Bariloche fuhr. Vor vier Monaten traf
ich auf dem Weg nach Ushuaia eine Familie aus Bariloche, die mich zu sich
ins Haus einlud. So klopfte ich nun also wieder an eine Tuer und wurde herzlich
empfangen. Bei Norma, Cacho und ihrem Sohn Julian blieb ich sechs Tage.
Hart war dann der Abschied, fuehlte ich mich in diesem Haus doch besonders
wohl. Mutter Norma fragte mich beim Verlassen des Hauses muetterlich, ob
ich denn auch eine Jacke eingepackte habe; Vater Cacho spottete mich staendig
aus und liess mich im Lexikon die Uebersetzung von ?gringo de mierda? (Scheissauslaender)
suchen, welcher ich seiner Ansicht nach sei; und mit Sohn Julian ging ich
Fussball spielen, sassen jeden Abend bis in alle Ewigkeit in der Stube und
schwatzten, bevor wir uns schlafn legten. Schlafen taten wir im gleichen
Zimmer....
Doch ich spuerte, dass ich weiter musste. Der Grosvater der Familie lag im
Sterben und so waere dieser ?gringo de mierda? bald zu einer Last geworden.
Doch schon im naechsten Dorf wartete die naechste Bekanntschaft auf mich.
Fuer einmal verbrachte ich eine Nacht auf einem Camping, wo ich Sarah und
Steve aus Schottland traf. Auch sie sind mit dem Fahrrad unterwegs. Wir assen
und tranken viel, lachten zusammen und hatten es schoen. Unsere Reiseroute
war leider verschieden, so dass ich ein weiteres Mal tollen Leuten auf Wiedersehen
sagte, ohne zu wissen, ob es je ein Wiedersehen geben wird....
Dann begann es zu regnen. Rulo und ich muessen ein desolates Bild in diesem
Regen auf einer wasserdurchtraenkten Schotterstrasse abgegeben haben. Viele
Autos stoppten, ich bekam Schoggi geschenkt, viele ente Worte zugesprochen
und eine Einladung nach Temuco. Gerhard, ein deutscher Missionar, oeffnete
mir die Tuer seines Hauses, wo ich nun bin. Ich kann wieder einmal in trockene
Schuhe steigen, alle Kleider sind gewaschen und warme Douchen lassen mich
die Kaelte der letzten Tage vergessen.
Temuco ? mit 400?000 Einwohner fur mich eine Grossstadt. Nach fuenf Monaten
Patagonienreise war ich der Luxus unserer Gesellschaft nicht mehr gewoehnt.
Seit ich am 12.Oktober 03 aus Bahia Balnca raus gefahren bin treffe ich hier
ploetzlich wieder auf ein McDonalds! Schoen war es in der McDonalds-freien-Zone!
Ich fuhr nach sechs Monaten das erste Mal wieder auf einer Rolltreppe! An
jeder Ecke stehen Leute mit irme Natel und im fuenfstoeckigen Schoppingzenter
empfiing mich eine Wolke der verschiedendsten Luxusparfume. Ich lief an Toblerone
und Linthschoggi vorbei, schaute in uebergrosse Fernsehbildschirme und fand
am Ende den Ausgang nicht mehr...
Die Duefte der Natur gefiehlen mir besser,
die Bilder, die mir die Natur zeigte, empfand ich als schoener und da draussen
in den Waeldern und Steppen verirrte ich mich auch weniger.
Nun bin ich dr zweite Tag hier in Temuco. Es regnet nicht mehr und ich will
wieder raus in die Natur. Hier im Haus wird vor dem Essen gebetet, am Ende
der Mahlzeit aus der Bibel gelesen und ich musste einige Vortraege ueber
die Religion anhoeren. Eine Atmosphaere, die mich auch nicht gerade zum Bleiben
bewegt. So gehts bald weiter. Erst noch etwas durch die Berge, anschliessend
an den Pazific, bevor ich dann in chiles Hauptstadt Santiago einfahren werde.
Aber eben: ?Die rgenreichste Zeit ist von April bis Oktober mit Schwerpunkt
April und Mai?. Vielleicht schmiede ich wieder einmal Planee, um sie in Kuerze
sowieso ueber den Haufen zu werfen.
Viele herzliche Ostergruesse
Chrigu
Temuco, Chile