17 Januar 2005 - Arequipa, Peru
Hallo Freunde
Arequipa, eine Stadt, wo ich mich richtig wohl fuehle. Dies schrieb ich im
letzten Rundmail vor etwas mehr als einem Monat. Obwohl ich nur ein paar
Tage bleiben wollte, blieb ich haengen und bin nun immer noch hier. Ich fuehle
mich eben wohl! Nach wie vor bin ich bei meinem Freunden Hugo untergebracht
und korrigiere und uebersetze als Gegenleistung fast gratis seine Internetseiten
(www.suedamerikatour.con und www.incaventura.com). Den Tag durch arbeite
ich etwas, sitze vor dem Compi und hoere Musik. Nicht die typische andine
Volksmusik, sondern DRS3, live aus der Schweiz! Ich verfolge den Trauergottesdienst
im Berner Muenster, hoere die nebligen Wetterprognosen und bin auf dem Laufenden,
wenn es auf der A14 einen drei Kilometer langen Stau gibt... Und kommt der
Abend, zieht es mich in die Stadt. Sei es Donnerstag, Montag oder Samstag
- ich geh in den Ausgang. Waehrend Monaten, als ich staendig mit dem Velo
unterwegs war, ging ich in keine Disco und war selten weg. Dies scheint sich
aufgestaut zu haben und ich hole es nun nach. Obwohl Arequipa mehr als eine
Million Einwohner hat, ist die Stadt doch sehr klein und nach ein paar Wochen
kennt man die Leute. So habe ich mir so etwas wie ein Leben eingerichtet
und geniesse es, wieder einmal ein etwas stabileres Umfeld zu haben.
Als Gegenleistung fuer meine Arbeit konnte ich vor ein paar Tagen mit Hugos
Incaventura- Reisebuero auf eine Bergtour gehen. Ich schloss mich einer Gruppe
an und wir machten uns auf den Weg zum Chachani, mit 6'075m doch ein maechtig
hoher Berg. Die Nacht verbrachten wir auf etwa 5'300m und ich brachte kein
Auge zu. Die Luft war duenn und kalt. Kurz nach Mitternacht machten wir uns
auf den Weg. Es windete und war kalt. Kurz nach Sonnenaufgang erreichten
wir den Gipfel. Ich hatte es geschaft - meinen ersten 6,000er! Leider war
ich nicht wirklich gut ausgeruestet und so frohr ich recht. Vor allem die
Finger waren krass und frohren mir staendig ein. Ich hoffte, dass dies sich
dann bessere, je mehr wir an Hoehe verlieren. Es war auch so, doch richtig
auftauen wollten die Dinger nicht. Noch heute, zehn Tage nach meinem Gipfelsturm,
sind drei Fingerspitzen noch halb gefuehlslos. Ist nicht so toll und ich
hoffe, dass sich das mit der Zeit dann wieder regelt....
Die Vorweihnachtszeit hier in der Stadt war etwas hektisch. Doch es war nicht
die gleiche Hektik wie in der Schweiz, die bekannte Tannenbaum- und Geschaenklihektik.
Die Polizei war es, die die Hektik ausloeste. Immer vor Weihnachten kaeme
es den Polizisten in den Sinn, Razzias zu veranstalten und die Autos zu kontrollieren.
Die Polizisten haetten eben etwas zusaetzliches Weihnachtsgeld noetig, war
Hugos Erklaerung. Und so traf es auch uns. Wir wurden angehalten und Hugo
musste seine Papiere zeigen. Papiere, die er nicht besitzt... So regelte
er das Problem mit anderem Papier, streckte dem Polizisten 10 Soles (4CHF)
in die Hand, wir kauften uns frei und der Polizist hatte sein Geld fuer das
Weihnachtsessen zusammen...
Das neue Jahr hier in Peru fing mit einer Geiselnahme an. Nun waren es nicht
mehr die Polizisten, die auf Hektik machten, sondern so ein paar Rebellen.
Es wurde eine kleine Revolution befuerchtet, es gab Kundgebungen in der Stadt,
die ersten Pflastersteine wurden aus den Gassen gerissen um sie dann bei
Gelegenheit den Polizisten anruehren zu koennen, welche ihrerseits die ersten
Stacheldrahtzaeune einrichteten. Es haette also los gehen koennen! Doch gluecklicherweise
blieb es ruhig. Diese kleine Rebellion richtete sich gegen unseren Praesidenten
Toledo. Er stammt aus einer Indiofamilie, wuchs auf dem Land auf und wurde
so vor zwei Jahren als grosser Hoffnungstraeger gewaehlt. Die Leute glaubten,
mit ihm einen Mann an der Macht zu haben, der sie verstehen wird. Doch die
Leute taeuschten sich. Toledo ist gleich korrupt wie viele andere Politiker.
Seine Beliebtheit liegt zur Zeit unter der 10% Marke. Ist etwas wenig...
Hugo erzaehlte mir eine Anektote aus der Toledoregierung. Da sei der Kongress
vor Weihnachten zusammengesessen und habe ueber eine Weihnachtsbonifikation
beraten. Sozusagen ueber ein fuer sich gemachtes Geschenk, das sie sich vom
Volk finanzieren lassen. Und dann kam es doch diesen Parlamentarier in den
Sinn, sich je mit an die $20,000 U.S. zu beschenken! Daneben sitzen Arme
in den Strassen und betteln fuer ein paar Centavos. Wenn das der Bevoelkerung
nicht in den falschen Hals kommt...?!
Wie es bei mir nun weiter gehen wird, darueber mache ich mir so oft meine
Gedanken. Eines Tages will ich wieder weiter, doch wann das sein wird, darueber
bin ich mir nicht im Klaren. Mein Ziel, im September 04 Ecuador zu erreichen,
kann ich wohl nicht mehr einhalten. Und doch moechte ich nun bald einmal
nach Quito kommen, obwohl meine Reiseart zur Zeit ziemlich das Gegenteil
zu beweisen scheint.
Tja, genug geschrieben, wers nicht lesen mag, na ja, der haette halt oben
am Mail aufhoeren muessen....
Alles Gute,
Gruss Chrigu
Arequipa, Peru