20 Oktober 2005 - Cartagena, Kolumbien
Hallo Freunde
Ob es wohl jemand gemerkt hat, dass ich mich seit zwei Monaten nie mehr bei
euch gemolden habe? Zu erzaehlen haette es ja wirklich allerhand gegeben....
Vor sechs Wochen, am 5.September, begaben Maettu und ich uns auf den Flughafen
in Caracas. Mein Bruder Stefan landete in Venezuela und fortan reisten wir
zu dritt durch die Lande. Als Maettu mich am Flughafen fragte, ob ich denn
etwas nervoes sei, meinte ich ?nein, ich sei eben nicht so der emotionale
Typ?. Als ich aber ploetzlich mein Bruder sah und wir uns bald in die Arme
schliessen konnten, trieb es mir doch Traenen in die Augen. 25 Monate waren
vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten...
Sechs Wochen reisten wir nun zu dritt entlang der Karibik von Caracas, Venezuela
bis hier nach Caratgena, Kolumbien. Gestern begab ich mich nun wieder auf
den Flughafen. Maettu verliess mich schon vor zwei Tagen. Gestern flog auch
mein Bruder wieder in die Schweiz. Zurueck bleibe ich. Wieder alleine nach
tollen drei Monaten in staendiger Gesellschaft. Es fuehlt sich zur Zeit sehr
merkwuerdig an, wieder ohne Begleitung durch die Strassen zu laufen und am
Abend niemanden zu haben, mit dem ich noch etwas ?spruechlen? kann....
Im letzten Massenmail aus San Cristobal kuendigte ich gross an, den Pico
Bolivar zu besteigen. Daraus wurde letztendlich nichts. Anstatt auf 5.000m
auf dem Pico zu stehen, fuhren wir runter auf 500m ins Llano, dem venezolanischen
Flachland.
Barranca, ein Dorf, das unscheinbar auf unserer Karte eingezeichnet ist.
Bei einer kleinen Finca fragten wir nach einem Zeltplaetzchen, welches wir
auch ohne Probleme erhielten. Dass wir bei ihnen duschen konnten war klar.
Wir wurden zum Z'nacht eingeladen, wo wir uns die Baeuche so richtig voll
schlugen, dass wir sogar noch Zeugs stehen liessen (kommt bei Velofahrern
sonst nur im Krankheitsfall vor...). Als bei Maettus Lampe die Batterien
versagten, wurden ihm neue Batterien geschenkt. Am Morgen gab es ein Z'morge,
welches uns bis nach der Mittagszeit fuellte. Als wir uns verabschiedeten,
erhielten wir noch allerhand Gemuese geschenkt, um damit am Abend kochen
zu koennen. Die Familie gehoert nicht der wohlhabenden Klasse an, gibt aber
mit Herzen das wenige, was sie hat. Ich war sprachlos, was ich da fuer Herzlichkeit
und Waerme fuehlen durfte. Ein Musterbeispiel von Gastfreundschaft!
Am 1.September hatte ich es geschafft. Nach 21.000 km oder 18 Monaten hatte
ich Suedamerika vollstaendig von Sueden nach Norden auf meinem Rulo durchquert.
Von Ushuaia radelte ich nach Higuerote. Rulo trug mich dabei fast immer sicher
ueber die Strassen. Damit war sein Ende definitiv. Mein Bruder ueberbrachte
mir Hermes, den versprochenen Neurahmen.
Ab Higuerote fuehrte uns die Strasse oftmals direkt am Meer entlang gegen
Westen. Wir liessen es langsam angehen. Oft erfrischten wir uns im Wasser
der Karibik. Eine Nacht verbrachten wir in Chuspa, ein lieblichen Fischerdoerfchen
an der bergigen Kueste. Der Stand ist klein und wird vor allem von der einheimischen
Bevoelkerung aufgesucht. So spielen die Jungs Baseball, den venezolanischen
Nationalsoport, oder turne ich mit einer Schar Kinder im Sand herum, machen
zusammen Kopf- und Handstaende und baden anschliessend zusammen im Meer.
Erreichten wir Los Caracas, ein mit dem Auto einfach zu erreichender Strand,
aenderte sich alles. Wir sassen vor einem Laden und assen Brot, als kistenweise
Bier aus dem Landen geschleppt wurde. Tolle Wagen kurvten herum, Musik droehnte
aus den Fenstern und die Tangas schnitten tief in die Arschspaelte ein. Wo
Kistenweise Bier rausgeschleppt wird, springt auch mal ein Bier fuer zwei
Fahrradfahrer ab. Und so erhielten jeder von uns vier Biers geschenkt. Mit
einem Liter Bier im Tank gings dann der Kueste entlang weiter....
.... bis wir von einem Auto ueberholt wurden. William und Vicky waren neugierig,
luden uns erst zu einem weiteren Bier ein und anschliessend gleich auch noch
zu ihnen ins Ferienappartment. So sassen wir bald frisch geduscht am Fenster
mit Blick aufs Meer und assen Tintenfisch!
Mit ihnen beiden fuhren wir am folgenden Tag eine schrecklichen Strassen
hoch in die Stadt nach Caracas. Mit dem Fahrrad und all dem Verkehr waeren
wir kaum dort angekommen.
Caracas, eine weitere uebergrosse Hauptstadt, die kaum weiss, wo sie all
ihre Bewohner noch beherbergen will. Ueberall liegen Penner in den Strassen
herum. Ein haessliches Bild.
Auf dem Land sahen wir oft auch Leute, die wenig haben, die in der Stadt
als arm gelten wuerden. Doch die arme Landbevoelkerung hat wenigstens noch
ein Stueck Land, um dort ein Paar Bananen oder Yucas zu pflanzen, wo wenigstens
der Magen fuers Erste etwas gesaettigt werden kann. Doch in der Stadt gibt
der Boden nur noch Abfall her. So wird gelebt, wie es eben geht, gegessen,
was es hat und geschlafen, wo sich Platz findet.
Froh waren wir dann, als wir diese Grossstadt wieder verlassen konnten. Bei
Coro machten wir einen Abstecher auf die sich davor in der Karibik befindenden
Halbinsel Paraguana. Wir fuhren entlang von Straenden,
wie es sie wohl nur hier in der Karibik gibt. Kilometerlang warten sie oft
und menschenleer. Leider waren sie dort, wo sich die Autotouristen jedes
Wochenende versammelt, unglaubliuch schmutzig.
An Umweltschutz denken die Venezolaner wohl an den Wochenenden nicht. Doch
bald stellten wir fest, dass Umweltschutz allgemein nicht behandelt wird.
Wo ein Haus stand, lang darum herum eine riesige Muellhalde. Es war oft erdrueckend
zu sehen, zu was wir Menschen im Stande sind. Das Plastikzeitalter hinterlaesst
hier seine unwiederruflichen Zerstoerungen.
Bald aber fuhren wir raus aus den besiedelten Gebieten. Der Weg war nun nur
mehr noch Sand, Stein und Erde. Umgeben wurden wir von dichten Kaktuswaeldern.
Die Sonne brannte. Auf unserer Karte war ein kleines Doerfchen eingezeichnet,
wo wir uns auf Brot und Cafe freuten. Ausgehungert und vor Durst lechzend
erreichten wir dieses La Mocolla, wo wir aber nur eine verlotterte Kirche
und zwei Haeuser vorfanden. Es gab weder Brot noch sonst etwas zu essen.
Mit vollen Wasserflaschen ging es hungernd weiter.
Bald waren nicht nur mehr die Flaschen voller Wasser. Es begann zu regnen
und goss wie aus Kuebeln, so dass sich die Wege zu stroemenden Baechen verwandelten.
Der Sand vermischt mit etwas Erde wurde zu klebendem Schlamm, der unsere
Velos so verklebte, dass uns die Raeder blockierten. Ohne an diesem Tage
auch nur ein Broetchen gegessen zu haben kaempften wir uns durch misslichste
Bedingungen in einer von Schoenheit kaum zu uebertreffenden Landschaft.
Erst als wir um 19Uhr im kleinen Jadacaquiva eintraffen, gab es unser "Z'morgenbrot"!
Es war ein verrueckter Tag. Ein Tag, wo der Wille durchzukommen staerker
war, als jedes Hunger- und Muedigkeitsgefuehl. Am Abend kamen wir in der
Polizeistation unter und sanken bald in einen tiefen Schlaf.
Als wir am Sonntag aus Pto Fijo raus, rief uns jemand etwas zu. "Cerveza"
soll er geschrien haben, meinte Maettu, und wir kehrten um. Empfangen wurden
wir von Oscar mit einem Bier, das zweite war fuer den Durst, das dritte auf
die sich nebenan befindende scheinbar weltgroesste Oelrefinerie, das vierte,
das fuenfte, das sechste.... als wir nach drei Stunden immer noch dort sassen,
entschlossen wir uns, an diesem Tag nun definitiv nicht mehr weiter zu fahren.
Die Peninsula Paraguana wird in der Mitte von einem fast 1.000m hohen Berg
ueberragt. Diesen wollten wir besteigen, erhofften wir uns von dort oben
doch, eine 360ยบ Rundsicht auf das Meer zu haben. So war es dann auch. Was
mich aber am meisten faszinierte, war die Vegetation dieses Berges. Weit
und breit ist es die hoechste Erhebung, womit sich um ihn herum die Wolken
stauen und ihre Feuchtigkeit abgeben. Somit liefen wir aus der absolut trocknen
Busch- und Kakteenlandschaft hinein in eine tropische Waldlandschaft. Es
war ploetzlich schlammig und gruen.
Zum dritten Mal auf dieser Halbinsel schliefen wir an diesem Abend direkt
am Meer. Im Sand kochten wir unser Nachtessen, hoerten dem Wellenschlag zu,
schauten in die Sterne und beobachteten die nahen Gewitter. Ein Platz, wie
man ihn sich ertraeumt.
Als wir nach fast zwei Monaten in Venezuela bei Maracaibo die Grenze ueberquerte
und zurueck nach Kolumbien fuhren, war ich trotz der vielen schoenen Erlebnisse
irgendwie froh, wieder aus diesem Land zu kommen. Obwohl wir viele nette
Leute gertoffen habe und tolle Freundschaften knuepfen konnte, verlasse ich
das Land mit einen zwiespaeltigen Eindruck.
Die Venezolaner sind sehr autofanatisch. Einem Velofahrer wird staendig gehupt,
etwas zugerufen und man ist nichts weiter als ein Hindernis.
Ein Liter Benzin kostet nur gerade 6 Rappen. Somit besitzt jeder Venezolaner
sein Auto. Da es auch nicht daruf an kommt, wieviel Benzin dieses Auto verpufft,
fahren massenweise alte 60er und 70er Amischlitten durch die Strassen. Fuer
Velofahrer eher unangenehm.
Um der tropischen Hitze Abhilfe zu schaffen, wird Bier geguellert, dass es
nur so gluggert. Damit spuelen sich einige Leute wohl auch gleich noch die
einen oder andern Hirnzellen runter.
Die Abfallproblematik ist hier schlicht ausser Kontrolle und es scheint sich
niemand darum zu kuemmern. Die Landschaft ist voll von Plastiksaecken, Plastikflaschen
und Glasscherben.
Das Land ist in einem interessanten politischen Prozess. Chavez polarisiert
aber leider so sehr, dass das Land gespalten ist. Die beiden Lager leben
zwar nebeneinander, kaum aber miteinander.
War ich, bevor ich hier nach Venezuela gekommen bin, noch sehr von der Chavez
Politik ueberzeugt, weiss ich nun nach Verlassen des Landes weniger denn
je, was ich von seiner Politik denken soll. Was uns als wunderbar und menschenfreundlich
verkauft wird, scheint oft eine Farce zu sein um billige Waehlerstimmen zu
gewinnen. Obwohl es zweifellos gute Ansaetze im Politprogramm der aktuellen
Regierung gibt, sehe ich doch den eingeschlagenen Weg als einen fragwuerdigen.
Kaum erreichten wir Kolumbien, fuehlte ich mich irgendwie gleich ein Stueck
wohler. Der Verkehr liess nach, die Amischlitten verschwanden und die Leute
riefen uns wieder nette Worte aus den Autos heraus zu.
Es ging viel direkt der Kueste entlang. Oft setzten wir uns hin, ruhten,
badeten und kamen dann oft gar nicht mehr weiter.... Von den dorfansaessigen
Fischer erhielten wir Fische geschenkt, die wir erst entschuppten, ausnahmen
und am Abend braetelten. Oder wir gingen auf Kokosnusssuche, tranken deren
Milch und assen uns am weissen Kokosfleisch satt. Die Naechte verbrachten
wir viel in unseren Haengematten mit dem Wellenrauschen saendig in den Ohren.
So naeherten wir uns langsam Cartagena, dem Ort unserer Trennung. Um die
letzten gemeinsamen Stunden in Ruhe verbringen zu koennen, fuhren wir noch
einmal auf eine Halbinsel, nach Baru.
Wir fanden einen der herrlichsten je
von mir gesehenen Straende vor. Zwischen Palmen richteten wir uns in einer
Schilfhuette ein. Auf einem grossen Tisch, den wir direkt gegen das Meer
ausgerichtet hatten, stellten wir unsere Kueche auf und bereiteten uns bei
Gelegenheit Cafe, Essen oder Popcorn zu.
Seit gestern bin ich nun also wieder allein. Sehr genoss ich die Monate mit
Maettu und die Wochen mit meinem Bruder Stefan! Ihnen beiden danke ich herzlich
fuer die gemeinsamen Tage! Fuer mich waren es wunderbare Wochen, die mir
zeigten, dass ich nach meiner langen Soloreise auch noch faehig bin, in Gesellschaft
unterwegs zu sein. Auch gab es mir Lust, zwar meinen Weg weiter zu fahren,
dabei aber stets daran zu denken, dass ich in der Schweiz erwartet werde.
Beeilen werde ich mich aber trotzdem nicht.
Sobald ich meinen Hermes wieder in Stand gestellt habe, werde ich weiter
ziehen. Erst nach Turbo, Kolumbien, wo ich hoffe, per Boot nach Panama zu
gelangen. Dabei werde ich am San Blas Inselarchipel vorbei schiffen. Ich
freue mich auf kleine Plameninseln und weissen Sand.
Gruss Chrigu
Cartagena, Colombia