23 Dezember 2005 - Liberia, Costa Rica
Hallo Freunde
Waehrend ich hier das Mail schreibe, ist bei euch schon der Weihnachtstag
angebrochen. Ich befinde mich am Vorabend. Weihnachtsstimmung ist bei mir
aber in den letzten Tagen ueberhaupt keine aufgekommen. Ich fuhr seit letzten
Sonntag ueber die Nicoya-Halbinsel. Dort reiht sich Strand an Strand. Einer
schoener als der andere. Einer laenger als der andere. Und alle ziemlich
menschenleer. So verbrachte ich wenig Zeit auf dem Rad und viel in der Haengematte,
im Meer und am Strand. So war es also alles andere als Weihnachtswetter,
welches ich die letzten Tage erleben durfte. Heiss ist es und Meer und Strand
lassen den Christbaum, den Schnee und die Kaelte in der Schweiz komplett
vergessen.
Wenn ich da also von meinen besuchten Orten schreibe, koennte man meinen,
dass alles super und alles schoen sei. Doch ist es nicht! Obwohl ich mich
an zahlreichen der schoensten Pazifikstraenden aufhielt, es mir absolut gut
geht, bin ich zu tiefst in Gedanken versunken.
Wie gesagt - es ist nichts, was mit mir selber zu tun hat. Es ist die Welt,
die Gesellschft und das Leben, was mich nachdenklich stimmt. Ich musste die
letzten Tagen wieder einmal Sachen sehen, wo mir die Haare zu Berge stehen.
Es ist schlimm, wie unsere Welt funktioniert. Ungerechtigkeiten ueberall.
Wer regiert, ist das Geld. Wer regiert, ist der Weisse, ist der us-Amerikaner.
Ich versuche meine Gedanken etwas zu buendeln, so dass ihr beim lesen mich
hoffentlich auch ein bisschen versteht.
Costa Rica heisst das Land - "reiche Kueste" ueberstezt ins Deutsch. Rico wird
hier gebraucht im Sinn von schoen, von fein, von toll. Das koennte sie sein,
die Kueste hier. Die Natur hat Raeume geschaffen, die von einer Schoenheit
unuebertrefflich sind.
Doch heute muss der Namen Costa Rica leider anders ausgelegt werden. Es ist
die Kueste der Reichen, derjenigen, die Geld haben. Zu tausenden kannst du
sie kaufen, die Grundstuecke. Liegenschaftsverwaltungen mit englischen Namen
preisen "lotes" am Meer an, "lotes" mit Meeresblick, "lotes" hier, "lotes" dort.
Das ganze Land ist zu kaufen. Wer Geld hat, der sichert sich die exklusivsten
Plaetze am Pazifik.
Geld hat die Auslaender. Hier vor allem die us-Amerikaner. Eine Vielzahl
der Grundstuecke mit Meeresblick sind in fremder Hand. Dem tico (Uebernamen
fuer den Costariceño) bleibt, was uebrig bleibt. Er hat sich ins Landesinnere
zurueckziehen muessen. Dort lebt er in seiner einfachen Huette und traeumt
davon, selber auch einmal ein Haus am Meer zu bewohnen. Dann naemlich, wenn
auch er die Saecke prallvoll mit Geld haben wird.
So gibt er sich der Arbeit hin. Arbeit, die er bei den Gringos findet. Hunderte
von ticos bauen den Auslaendern ihre Prachtvillen, pflegen Gaerten und Golfplaetze,
sitzen an Hotelreceptionen, waschen das Bettzeugs, sammeln den Dreck am Strand
ein und und und. Irgend einmal wird sich diese Arbeit ja sicher auszahlen,
denken sie sich, und dann werden sie es sein, die sich bedienen lassen.
Dieser Illusion geben sich viele hin.
Dabei merken sie nicht, dass sie von Sklaventreibern vorwaerts gepeitscht
werden. Frueher waren es Stoecke und Riemen, die spuerbar zuschlugen. Heute
ist der physische Schmerz nicht mehr spuerbar. Die heutige Peitsche ist das
Geld.
Vor 200 Jahren schiffte man die Sklaven aus Afrika nach Amerika. Nun sind
die Latinos Mode. Die sind naemlich so einfach zu betreuen, dass sie sogar
noch 1'000 U$ fuer den Flug bezahlen und freiwillig in die USA fliegen um
sich dort zu versklaven.
Oder dann braucht man sie eben gleich vor Ort, dort wo sie geboren wurden.
Das schoenste Land kauft man ihnen zu einem symbolischen Preis ab um sich
darauf von ihnen seine Prunkvilla bauen zu lassen. Land, welches zum Villenbau
unbrauchbar ist, laesst man von ihm kultivieren. Wo nicht die Prunkvillenbaustellen
die Natur zerstoeren, werden Melonen, Ananas, Mangos, Bananen und sonstige
tropische Fruechte angebaut. Fuer den Export natuerlich. Dem tico hat man
angewoehnt Reis, Bananen und Bohnen zu fressen. Alles andere kann er sich
nicht leisten. Da hat man ja vorgesorgt - nur der Niedrigstlohn wird ausbezahlt.
So sah ich eben diese neuzeitliche Sklaven. Vor allem am Morgen, als sie
an der Strasse auf ihren Abtransport warteten. In ganzen Gruppen warteten
sie auf den Bus, den sie von ihren Huetten im Hinterland zu den tollen im
Bau stehenden Villen am Meer bringt. Und diese Sklaven sind sooo pflegeleicht,
dass sie fuer diesen Sklaventransport auch noch bezahlen!
Waehrend die Sklaventransporte am Morgen durch die Gegend fuhren, war von
den Sklaventreiber noch nichts zu sehen. Sie waren wohl noch im Bett. Einzelne
hatten sich aber doch schon aus den Federn gestemmt. Sie kamen wohl eben
vom sun-rise-sailing zurueck. Oder dann stand die morgendliche Jogalektion
an. Oder man gab sich leichter Morgengymnastik am Strand hin. Oder kam eben
erst vom Fishing-trip zurueck.
Ich traf Hans aus Daenemark. Er liebe das Fischen. So erzaehlte er mir vom
Fishing-trip, den er fuer den naechsten Tag gebucht habe. Fuenf Stunden werde
er dauern. Dafuer bezahle er 170 U$.....
Dann sprach ich mit einem tico, der einen Privatstrand ueberwacht. Er verdiene
160 U$ monatlich....
Der Privatstrand gehoert zur Hacienda Pinilla. Fuer die Nacht dort im Hotel
bezahlt man pro Person 80 U$.
Ich kam auf einer Schotterstrasse angefahren, als ploetzlich tollster Asphalt
begann. Der Asphalt fuehrte mich an maechtiges Eingangstor, verziehrt mit
antiken Figuren und Schranke. Ein chic angezogener tico begruesste mich -
auf Englisch! "Wo wir eigentlich seien, hier spreche man doch immer noch
Spanisch, oder?" fragte ich ihn, als er mir zur Antwort gab, dass dies eben
hier in der Hacienda Pinilla Pflicht sei. Die Besucher duerfen ausschliesslich
auf Englisch angeredet werden.
Mich zwickte es zu wissen, was sich hienter dieser Schranke befindet. Ich
bat um Einlass. Dafuer erhielt ich eine Akkreditation. Dazu eine Visitenkarte.
Die Hacienda Pinilla. Vom Eingang bis zum Strand sind es mehr als 5km. Alles
Privat. Wer hunderte und tausende von Dollars bezahlt, darf hier seine Villa
bauen. Hinter den Mauern kann er sich seiner sicher sein. Es stoeren ihn
keine unerwuenschten Latinos und seinem Geld wird hier nichts passieren.
Bald erblickte ich den Golfplatz. Ich fuhr zum Loch 16. Nicht gerade klein,
das Ding! Loch 16 ist nur gerade 10m vom weissen Sandstrand entfernt. Vom
Abschlagsplatz schweifft der Blick uebers Faehnchen 16 hinweg in die Unendlichkeit
des Pazifiks.
Etwas weiter drueben steht die "Pequeña Finca" - der kleine Bauernhof. Dort
wurde ein Pferdezentrum eingerichtet. Frau Gringo will ja eventuell am Morgen
per Pferd am Sandstrand entlang reiten.....
Klar darf da der Tennisplatz mit Blick aufs Meer nicht fehlen.
Mir kam es vor wie im Schloss Versailles. Dort richtete sich die Koenigin
in ihrem Garten ihr Maerchenland ein. Das war vor 400 Jahren. Das Maerchenland
der Gringos ist heute eben Costa Rica - die Kueste ausschliesslich fuer die
Reichen.
Leider aber neigt sich der Paltz direkt am Meer dem Ende zu. Alles ist gekauft.
Alles ist ueberbaut. Doch was hat uns die Natur das nicht tolles eingerichtet?
Sie hat uns in wenig Distanz Huegel geschaffen - mit Blick aufs Meer! Nun
kauft man sich eben diese Huegel. Dort oben ist die Aussicht ja noch spektakulaerer
und das nervige Wellenrauschen ist da ja auch nicht mehr so laut.
Die Burgen wurden frueher ja auch auf den Huegeln mit der besten Aussicht
gebaut. Dafuer schnitt man der Huegelkuppe einfach den Spitz ab. Heute stehen
zig abgeschnittene Huegelkuppen der Kueste entlang. Die us-amerikanischen
Auktionshaeuser warten nur noch, dass sich der Meistbietende dort oben mit
Hilfe der tico-Sklaven seine private Burg erbaut.
Mindestloehne werden den Sklaven bezahlt, um ihnen glaubhaft zu machen, dass
sie gleichwertige Arbeiter seien. Mit dem Mindestlohn kann sich der tico
gleich sein Essen leisten. Wem etwas mehr bleibt, der kauft sich einen Fernseher.
Oder eine Stereoanlage.
Der Fernseher. Da kommen Filme, Serien und Werbung.
Mit der Werbung laesst man den Sklaven weiter traeumen. Vom glaenzigen Haar.
Vom grossen Auto. Vom Hamburger bei McDonalds oder BurgerKing.
Die Serien lassen den Sklaven von einer Scheinwelt traeumen. Von Liebe und
Intrigen. Von Familien und Freunden. Solange sich die Sklaven mit diesem
Scheinleben befassen und sich ihre Gedanken darueber vergeuden, werden sie
ja auch nicht die wahren Probleme des Lebens sehen.
Die Filme. Alle produziert in Hollywood. Der Weisse gewinnt. Der Schwarze,
der Latino und der Asiate sind die Boesen. Gut und Boese sind klar definiert.
Der Radio. Die Lieder handeln von Liebe. Nichts als Liebe.
Die Liebe. Bin ich verliebt, reduziert sich mein Weltbild auf eine einzige
Person. Meine Energien konzentrieren sich auf diese einzige Person. Meine
Gedanken schweifen immer wieder zu dieser Person ab. Sich in solchen Zeiten
Gedanken zu den Ungerechtigkeiten im Land zu machen - wer will das schon?
Die Liebe. Sie stellt Kinder in die Welt. Kinder, die bald einmal Villen
bauen koennen, Abfall sammeln und Bette richten. Ist nur gut, wenn sich der
tico vermehrt. Die billige Arbeitskraft darf ja schliesslich nicht fehlen.
Waehre naemlich ploetzlich Mangel an Arbeitern, koennten ja die Arbeiter
sich ploetzlich ihrer Macht bewusst werden und hoehere Loehne verlangen.
Vielleicht sogar einen Aufstand.
Einen Aufstand! Das ist es, was es hier braucht. Proletariat, vereinigt euch!
schrieb Marx vor mehr als 100 Jahren. Hier sind diese Worte aktueller den
je. Das ist es, was es hier braucht! Proletariat, vereinigt euch!
Doch anstatt an einen Ungehorsam zu denken, glauben die Sklaven an Gott.
Der Waechter am Privatstrand zeigte nach oben und meinte, dass ER im Himmel
schon eines Tages fuer Gerechtigkeit sorgen werde. Gott ist tot!, wenn es
nach den Worten von Nietzsche geht. Und dieser Gott ist wirklich tot. Fuer
immer!
Ich wurde fast wuetend, als ich diese leise Stimme von Dios sprechen hoerte.
Du musst nicht warten, bis ER kommt und dir hilft, sagte ich ihm. Nimm noch
heute einen Stein und wirf ihn gegen eine dieser Villen, gegen eines dieser
grossen Autos. Steine muesst ihr ergreifen! Wenn ihr es nicht macht, dann
ist es wohl an mir. Wenn es sein muss, werfe ich den ersten Stein, sagte ich
ihm. Wuerde wohl jemand mit mir werfen?
Morgen ist Weihnachten. Die christliche Welt feiert. Doch zu feiern haben
nur einige wenige. Und diese sitzen in ihren Villen am Meer und trinken Champagner.
Ich will mit diesem ganzen schmutzigen Weihnachtsspiel nichts zu tun haben.
Ich will diesen Tag nicht feiern. Zum Trauern ist mir zumute.
So werde ich morgen das Weite suchen. Ich fahre raus, hoch zum Lago Arenal.
Dort hoffe ich am Seeufer ein einsames Plaetzchen zu finden, wo ich ganz
fuer mich alleine diesen Abend der Trauer begehen kann. Dazu werde ich mir
eine Flasche Wein kaufen.
Das habe ich also gesehen, im schoenen Costa Rica. Im Fernseher laeuft staendig
die Werbung "Costa Rica - un pais para vivir y compartir!" "Costa Rica -
ein Land zum leben und teilen!" Der tico lebt und teilt, wie es die Werbung
von ihm verlangt. Der Gringo hingegen lebt und kauft. Er kauft und kauft
und kauft und was der tico einmal teilen wollte, ist in ein paar Jahren verschwunden.
Ich fuhr an einer protzigen Einfahrt eines neu entstehenden Quartiers vorbei.
Die Kaufanzeige fuer ocean-view-lots war natuerlich auf Englisch geschrieben.
Es flatterten acht Flaggen im Wind - drei von Costa Rica und fuenf der USA.
Wo sind wir hier eigentlich?!
Am Ende dieses Mails moechte ich noch einmal schreiben, dass es nichts ist,
was mit mir selber zu tun hat, was mich so nachdenklich stimmt. Es ist die
Welt, die Gesellschft und das Leben, was mich nachdenklich, traurig und wuetend
macht. Ich selber bin bei guter Laune. Sorgen braucht ihr euch also keine
um mich zu machen. Frohe Weihnachten! Und gebt das Mail auch euren Familien
zum lesen, so dass das Sklaventum im 21. Jahrhundert auch in der Schweiz an
Weihnachten beredet werden kann.
Alles Gute! Und eben: froehliche Weihnacht ueberall!
Chrigu
Liberia, Costa Rica