24 März 2005 - Andahuaylas, Peru
Hallo Freunde
Einen Monat ist es her, seit ich euch mit Nachrichten aus Cuzco beglueckte.
Vielen Dank fuer die Mails, die ich unterdessen erhalten habe. Und Entschuldigung,
dass ich mir nicht die Zeit nehme, um alle Mail persoenlich zu beantworten.
Seit dem letzten Massenmail erlebte ich wieder viel. Fast zuviel! Ihr werdet
es lesen, falls ihr euch die Zeit dafuer nehmt. Es wurde ein langes Mail,
ein sehr langes Mail.... Und ich hoffe, dass es auch ein interessantes Mail
geworden ist.
Schon am Tag meiner Ankunft in Cuzco war ich fasziniert vom Gesehenen. Dies
sollte sich waehrend den ganzen drei Wochen in und um Cuzco nicht aendern.
Mit meinem Rulo fuhr ich durchs Valle Sagrado, dem heiligen Tag der Inkas.
Taeglich besuchte ich spannende Inkaruinen und genoss es, individuell mit
meinem Rulo unterwegs zu sein und nicht mit dem Zeitdruck einer organisierten
Tour reisen zu muessen. Alleine spazierte ich an Steinmauern entlang, legte
mich dazwischen auf gruene Wiesen und versuchte mich jeweils bei einer gefuehrten
Gruppe anzuhaengen, so dass ich auch noch ein paar Erklaerungen erhielt.
Ein Traum von mir war es, den beruehmten Inkatrail zu laufen und am vierten
Tag zu Fuss Machu Picchu zu erreichen. Viel hatte ich bereits gehoert und
stellte mir somit diese Wanderung als DAS Erlebnis in Suedamerika vor. War
es aber nicht! Die Wanderung ist total ueberlaufen, verliert dadurch jeglichen
Charme und der Tourist konsumiert ein weiteres vorgekautes Tourismuspaket.
Ich wuerde die Wanderung nicht ein zweites Mal wandern.
Oft bekam ich das Gefuehl, dass jedes Schwein sich diesen Inkatrail zutraut.
Leute, die wohl noch kaum einmal einen Fuss in die Berge gesetzt hatten,
liefen ploetzlich ueber Andenpaesse. Als grosse Helden wurden die Leute jeweils
beklatscht, als sie den Rastplatz erreichten, wo die Gepaecktraeger, die
Rucksaecke von bis zu 40kg durch die Landschaft schleppten, schon zwei Zelte
errichtet hatten und einem gleich sofort das Mittagessen servierten. Gepaecktraeger
schleppten fuer die zahlungskraeftigen Touris alles. Wem seine Unterhoeschen
und T-Shirts aber immer noch zu schwer war, der mietete sich einem privaten
Traeger und lief so ziemlich mit gar nichts.
Unterwegs liefen wir an einigen Inkaruinen vorbei. Im Vergleich zu den zuvor
gesehenen Ruinen waren diese Staetten aber enttaeuschend. Klein, unwichtig,
geschichtslos und gesucht wirkten diese Ruinen auf mich. Als Hoehepunkt freute
ich mich aufs Intipunku, das Sonnentor, von wo das erste Mal Machu Picchu
erblickt wird. Beim letzten Nachtplatz versperrte ein Tor bis 5.30 Uhr den
Durchgang. Als es geoeffnet wurde, stromten an die 200 Inkatrailwanderer
los. Im Gaensemarsch ging es vorwaerts. Schmal war der Weg und so lief ich
in einer Kollone von an die 40 Wanderer. Anstatt den Geschmack der Orchideen
zu riechen, stanken Menschenfuerze! Anstatt das Rauschen des Rio Urubamba
zu hoeren, surrten die Zooms der Fotoapparate. Als ich am Intipunku auf einem
Stein den herrlichen Blick auf Machu Picchu genoss, wurde ich ploetzlich
aufgefordert, den Platz zu verlassen. Ich stoerte das Gruppenfoto einer Wandergruppe!
Sobald wir aber Machu Picchu erreichte, sich die Gruppe zerstreute und wir
nicht mehr im Gaensemarsch auf einem Pfad vorangetrieben wurden, began es
mir wieder zu gefallen. Ich war in Machu Picchu! Es war magisch! Ich fuehlte
mich, wie wenn ich auf einer riesigen Postkarte herumspazieren wuerde. Tausende
Male sah ich das Bild der Ruinen und nun war ich dort - mitten drin. Ich
meinte den Ort schon zu kennen, doch war jede Ecke neu. Ich lief rauf und
runter und genoss die spezielle Stimmung zwischen diesen alten Mauern. War
ich fuer eine Zeit fuer mich ganz alleine, hoerte ich das Sausen des Windes,
das Zwitschern der Voegel und das Rauschen des Flusses tief unten im Tal.
Umgeben werden die Ruinen von einer herrlichen und gleichzeitig undurchdringbaren
Bergwelt, so dass man sich fragt, wieso die Inkas genau an diese Stelle eine
Stadt erbauten. Lang brauchte ich dann um den Ruinen den Ruecken zu kehren
und mich auf den Weg runter nach Aguas Calientes zu machen.
Kurz vor Aguas Calientes, fuer die meisten Touris wenige Minuten vor dem
Erreichen des wohl groessten Symbol des Inkareiches, fuehrt der Weg an einer
Statue einer Jungfrau vorbei. Eine katholische Jungfrau in wenigen Kilometer
Entfernung der Inkahochburg..!?!?
Schon im Valle Sagrado, dem heiligen Tal der Inkas, wurde mir bewusst, wie
paradox das Nebeneinanderleben des Katolizismus und der Inkaruninen doch
ist. Mitten im heiligen Tal der Inkas steht eine katholische Pilgerkirche.
Peruaner, Nachfahren der Inkas, pilgern an diese Staette, zuenden Kerzen
an, knien sich erfuerchtig vor dem Altar nieder, waehrend in Sichtwiete die
Ruinen von Pisaq zu sehen sind. Merken denn die Leute nicht, dass Pisaq genau
wegen diesen katholischen Staetten in Ruinen liegt?
Oder das Kloster Santo Domingo in Cuzco. Dieses Kloster wurde genau ueber
dem Sonnentempel der Inkas, dem hoechsten Heiligtum des Inkareiches, erbaut.
War das eine eindrueckliche Spannung zwischen den beiden Lebensweisen, Religionen,
Voelker, Kulturen! 600 Jahre alte Inkamauern tragen die katholische Kirche.
Eine Kirche, die aus den von den Inkas behauenen Steinen gebaut wurde. Da
es in der Region hier oft zu verherenden Erdbeben kommt, bauten die Inkas
massiv und erdbebensicher. Die Steine sind durch tolle Techniken in- und
aneinandergefuegt. Beim letzten Erdbeben in den 50er Jahren brachen viele
der spanischen Bauten zusammen, waehrend die Inkamauern sich um keinen Zentimeter
verschoben....
Ich beobachtete dieses Aufeinanderprallen und fand es einmal mehr schrecklich,
was unter der Schirmherrschaft des heiligen Kreuzes passiert ist.
So toll und interessant wie ich die Inkastaetten fand, so laestig und nervig
waren viele der Cusqueños. Ambulante Verkaeufer/innen verfolgen einem staendig
und versuchen Postkarten, Kaugummis oder Zugaretten zu verkaufen. Vor den
Restaurants stehen Leute und reiben einem die Karte unter die Nase. Schuhputzer
knienen sich vor einem nieder und schrubben einem die Schuhe fast im gehen.
Was denken die wohl!? Dass ich Geld habe wie eine Bank?! Ich, der um S/6
(2.50CHF) zu sparen sich waehrend mehr als einer Stunde in eine Kirche sitzt,
die Messe hoert, nur um anschliessend ohne zu bezahlen die konstvoll geschnitzte
Holzkanzel besichtigen zu koennen....
Ich musste weg aus dieser Stadt. Nicht aber ohne auf dem Weg die Ruinen von
Choquequirao zu besuchen. In einem zweitaegigen Fussmarsch erreichte ich
diese Staette. Die Lage ist sogar noch eindruecklicher als diejenige von
Machu Picchu. Besonders gefiel mir die Tatsache, dass taeglich nur an die
zehn Touristen die Anlage besuchen. Ich fuehlte mich frei. Etwas was in Machu
Picchu schon fast gaenzlich verloren gegengen ist. Die Wanderung war im Vergleich
zum ueber 100U$ kostenden Inkatrail ebenso eindruecklich, wenn nicht sogar
noch reizvoller. Und gratis! Waehrend den Inkatrail taeglich hunderte von
Touristen abspulen, begegnete ich auf dem Weg nach Choquequirao nur eine
handvoll Touristen und genau so viele Einheimische mit ihren Pferden und
Maultieren. War das befreiend.
Nach der Nacht bei der Feuerwehr in Abancay fuhr ich weiter ins 24km entfernten
Doerfchen Auquibamba. 24km sind nicht sehr weit, doch brauchte ich dafuer
ganze sechs Staunden. Erst fragte ich bei einem Haus fuer ein paar Bananen.
Hatten sie nicht, wir kamen ins Gespraech und ich fuhr mit an die zehn geschenkten
Maracuyas weiter.
Es begann ein schweissteibender Aufstieg. Ploetzlich rief mir jemand vom
Strassenrand her etwas zu. Ich schaute hin, sah aber niemand. Erst als ich
meinen Blick durch die Baumkrone schwenkte, entdeckte ich Evert und Ronald,
zwei Jungs am ernten von Bacay, einer langen gruenen Schalenfrucht. Ich stieg
ab, wir schwatzten und sie warfen mir staendig weitere Bacays zu. Es kamen
immer mehr geflogen, so dass ich letztendlich den Aufstieg mit vollen Satteltaschen
fortsetzte.
Ich fuhr in Auquibamba ein. Ein Dorf so klein, dass es nicht einmal ein Restaurant
hat. So fragte ich vor einem Haus sitzende Frauen, ob sie mir nicht dennoch
ein Mittagessen zubereiten koennten. Waehrend die Frauen kochten kam ich
mit den Maennern ins Gespraech. Wir setzten uns in die Dorfsammelstelle fuer
Bohnen, welche zur Zeit geerntet werden. Es sei eine fuer die Gegend revolutionaere
Idee gewesen, die Ernte lokal zu sammeln und von da zu vermarkten. Grosse
Menge - besserer Preis und so scheint dieses System zu funktionieren. Mehr
als drei Stunden sassen wir in der Sammelstelle neben vollen Bohnensaecken,
als immer wieder Frauen (auffallend immer Frauen...) mit ihren Saecken Bohnen
daherspazieren kamen. Einmal waren es 15kg, dann 8kg, pro Kilo erhaellt der
Produzent S/3 (etwas mehr als 1CHF). Verkauft wuerde die Ware fuer ungefaehr
S/3.10 Ein nicht wirklich grosser Gewinn! Ich ass mein Mittagessen waehrend
ich mit den vier Maennern ein unterhaltsames und heiteres Gespraech hatte.
Unverstaendnisvoll fragten sie mich, wieso ich denn nicht zum Beispiel mit
einem Motorrad unterwegs bin, als eben gleich ein Motorradreisender vorbeiflitzte.
Desswegen, sagte ich, waere ich nicht mit dem Fahrrad hier, wuerden wir nun
nicht zusammen reden.
Als es Abend wurde erreichte ich Sotapa, ein weiteres kleines Dorf. Ich kaufte
beim ersten kleinen Laden ein Getraenk ein. Waehrend sich draussen die Kinder
um mein schwer bepacktes Fahrrad sammelten, kam ich drinnen mit Nicolas Rios
Ochoa und Nicolasa Huaman Espinoza, den Besitzern, ins Gespraech. Es ging
nur ein paar Minuten bis Nicolas mich fragte, ob ich die Nacht denn nicht
bei ihnen im Haus verbringen will. Auf das habe ich doch insgeheim gewartet
und so richtete ich mich im Kartoffellager neben dem Laden ein. Ich zog mich
um und setzte mich anschliessend wieder zu ihnen in den Laden. Letztendlich
blieb ich dort vier Stunden sitzen. Die Nachricht vom Gringo im Dorf schien
die Runde gemacht zu haben und so kamen immer wieder neue Leute rein und
kamen diesen Blondie bestaunen. Eloy, der Lehrer, setzte sich neben mich.
Der Strassenarbeiter stand maechtig vor mir und die Kinder starrten mich
ueber die Struppelhaare der Kleineren vorbei an. Doch mir war es wohl, die
Leute sympatisch und so holte ich meine wenigen Fotos aus der Schweiz und
begann ihnen zu erzaehlen. Die Foto der dicken Schweizerkuh wurde ganz genau
betrachtet. Durch meine Erzaehlungen gewannen die Leute vertrauen und begannen
von sich zu erzaehlen. Ueber den Preis der Kartoffeln neben meinem Bett,
wo 20kg gerade mal einen Wert von S/2.50 (1CHF) haben. Whhoo, wie teuer ist
das Kilo Kartoffeln in der Migros und im Coop? Der Vater erzaehlte von seiner
Lungenkrankheit. Als er jung war, arbeitete er ohne jegliche Schutzmassnahmen
wie Staubmaske in Steinbruechen, Saegereien und Minen, so dass seine Lungen
nun total kaputt seien. Laufen moege er kaum mehr, geschweige dann etwas
heben oder schleppen. Dass er dennoch etwas arbeiten kann, richteten ihm
seine acht Kinder ein kleines Lebensmittelgeschaeft ein, mit welchem er sich
nun etwas seinen Lebensunterhalt verdienen koenne. Von den acht Kindern leben
sieben in Lima.
Lima, das grosse Magnet des Landes. Redete ich mit irgend einer Person und
kamen wir auf die Familie zu sprechen, erfuhr ich bald, dass saemtliche junge
Leute nach Lima ausgewandert seien. Nicolas's Sohn, der 18jaehrige Sergio
Luis, lebt seit seinem 12 Lebensjahr in der Grossstadt. Waehrend vier Jahren
ging er noch zur Schule. Von 5a.m. bis 18p.m. arbeitete er als Koch in einem
Restaurant. Von 19p.m. bis Mitternacht besuchte er die Schule. Wann er dann
geschlafen habe, fragte ich. Sonntags haette er frei gehabt. Bis Mittag habe
er den Schlaf nachgeholt - ab Mittag diesen vorgeholt.... Als ich im Semer
war beklagten wir uns oft ueber die Menge an Schularbeiten, die wir zu erledigen
gehabt haetten. Doch was war das im Vergleich zum Leben von Sergio Luis?
Als ich mein Essen einkaufen wollte um mir mein Nachtessen zuzubereiten,
erhielt ich zwei riesige Teller mit Pasta und Kartoffeln vorgesetzt. Ich
konnte die Einladung kaum akzeptieren, erfuhr ich doch im Gespraech, dass
diese Familie so ziemlich nichts hat. Und das wenige an Besitz teilen sie
auch noch mit andern Leuten. Ich war sprachlos und nach der Nacht im Kartoffellager
gabs einen herzlichen Abschied.
Dass es nach diesem Tag weiterhin so intensiv weitergehen sollte, glaubte
ich kaum. Doch es ging weiter. Es war Mittag als ich Quillabamba erreichte.
Wiederum hielt ich nach einem Restaurant ausschau. Da hier ein Mittagessen
ganze S/2.50 kostet (1CHF oder der Preis fuer 20kg Kartoffeln in Peru...)
goenne ich mir jeden Mittag ein warmes Essen. Doch in Quillabamba fragte
ich vergebens nach einem Restaurant. John, ein 12 jaehriger Junge, bot mir
Hilfe an und fuehrte mich zum Comedor Popular, so etwas wie die Gassenkueche.
Eine us-amerikanische Hilfsorganisation finanziert hier das Mittagessen fuer
die 300 Dorfbewohner. Mit kleinen Plastikkesseln spazierten die Frauen in
den Comedor und verliessen diesen das Reis in einem Kessel tragend, die Bohnensauce
im andern. Ob nun der Gringo hier auch noch mitisst, spielte nicht eine grosse
Rolle. Und so ass ich zusammen mit den sombrerotragenden und rockbekleideten
Frauen das von den USA gespendete Mittagessen.
Bis zur folgenden Passhoehe begleiteten mich Valerio und sein Schwager mit
ihren Fahrraedern. Unterwegs fuhren wir am Haus von Valerios Frau vorbei,
wo wir einen kurzen Stopp einlegten. Das Obst ist zur Zeit in seiner Bluete
und so wurde ich von Valerio so richtig verwoehnt. Mit Aepfel, Granadillas
und Tombos fuellte er mir meine Satteltaschen, die noch immer mit Bacays
und Maracuyas gefuellt waren.... Ob er mir einfach nur mehr Gewicht fuer
den Aufstieg anhaengen wollte..?!
Oben auf der Passhoehe (an die 4,000m) wuenschte mir Valerio eine gute Weiterreise.
Ich setzte mich hin, ass einige der vielen erhaltenen Gaben und betrachtete
die Cordillera Vilcabamba mit ihren 6,000ern in der glaenzenden Abendsonne,
als eine typisch bekleidete Frau mit einem Buendel Gras auf dem Ruecken dahergelaufen
kam. Da wir in die selbe Richtung unterwegs waren, begleitete ich sie. Die
50jaehrige Antonia war im Vergleich zu vielen andern Frauen ganz offen und
erzaehlte mir viel ueber ihr Leben. Zum Beispiel, dass fuenf von ihren sechs
Kindern in Lima leben. Siehe da! Ich fragte sie, wofuer sie denn das Gras
nach Hause trage. Fuer die Meerschweinchen. Meerschweinchen sind hier naemlich
nicht nur simple Haustiere. Daraus wir viel mehr ein koestlicher Meerschweinbraten
gemacht. So liegt da ploetzlich vor einem auf dem Teller ausgebreitet ein
Meerschweinchen, sammt Zaehnen und Krallen und scheint einem noch halbers
anzuschauen. Gewoehnungsbeduerftig.....
Gefragt, was sie denn alles auf ihren Feldern anbaue, meinte sie unter anderem
"sara". Verstand ich nicht, toente wie der fuer mich bekannte Maedchenname
und so fragte nach. Dies sei Quechua, die Sprache der Andenbewohner, und
bedeute "Mais". Hat der Name Sarah wohl ins Quechua uebersetzt eine Bedeutung?
Und so wollte ich wissen, wie man denn "sara" schreibt. Da lachte mich Antonia
an und meinte verlegen, dass sie Analphabetin sei. Eigentlich haette sie
ja schon Lust, in ihrem fuer peruanische Landverhaeltnisse schon hohen Alter
noch lesen und schreiben zu lernen, doch ihr Mann und ihre Soehne wuerden
es ihr verbieten....
Ich uebernachtete ich Anccapachcca in der Schule auf einem Stoss frisch gesaegter
und toll riechender Bretter. Vom nahen Ladenbesitzer wurde ich zum Fruehstueck
eingeladen. Ich fuhr hin, ass die leckeren Maiskolben, als mich David, der
Ladenbesitzer bat, seinem sechs Monate alten Sohn Jofri die Haare zu scheiden.
Ich sah den Sinn nicht wirklich ein und lehnte ab. Doch er beharrte darauf
und erklaerte mir, dass dies eine grosse Ehre sei. Derjenige, der als erstes
die Haare eines Bebes schneide, wuerde dieser Person Glueck bringen und so
etwas wie zu einem symbolischen Paten. So schnitt ich ein Buescher dieser
feinen schwarzen Haare des kleinen Jofri ab und machte mich dadurch du dessen
Pate. David meinte noch so nebenbei, dass ich ja dann mal ein paar Kleider
oder etwas Geld schicken koenne. Gringos sind wohlhabend und so kann es ja
mal versucht werden, scheint sich David gedacht zu haben....
Gringos sind wohlhabend. Dies ist die Meinung vieler Peruanern. Wohl auch
diejenige des ex-Praesidenten Alain Garcia, der scheinbar einmal gesagt haben
soll, "wir Peruaner sind arm - die Auslaender reich - bitten wir sie fuer
Geld!" Und so folgt auf einen netten Gruss oft die Bitte nach einer "propina",
einem Trinkgeld. Bekomme ich dies einmal am Tag zu hoeren, lache ich und
fahre weiter. Doch wenn aus allen Bueschen nach "propina" geschreit wird,
so geht dies doch schoen auf den Sack. So sehr, dass ich mir etwas einfallen
liess. Auf einem der vielen Maerkte, wo alles, ja wirklich alles zu finden
ist, stachen mir kopierte und natuerlich gefaelschte Dollarnoten ins Auge,
die bei Ritualen verbrannt werden und so Reichtum fuer die Person bringen
sollen. Ich kaufte solche 100-Dollar-Noten. Hoere ich nun ein "propina",
zuecke ich grosszuegig 100 Dollars. Mit grossen Augen betrachten die Leute
jeweils das Geschenk. Und genau so gross oder noch groesser werden die Augen
wohl sein, wenn sie die Dollars tauschen wollen....
Doch oft lassen die Einheimischen mich mit grossen Augen dastehen. So erzaehlte
mir Valerio von einem 1km langen Aufstieg. Auch was ist dies schon, dachte
ich. Doch aus einem Kilometer wurden dann dessen sechs...
Es war in Bolivien. Ich war mit meinem Fahrradkumpel Markus von Uyuni nach
Potosi unterwegs. Wir erreichten ein Doerfchen und wussten, dass sich in
einer gewissen Distanz ein groesseres Doerfchen befindet, wo wir die Nacht
verbringen wollten. Um nicht von der Landenfrau eh eine falsche Information
zu erhalten, warteten wir auf den naechsten Bus und fragten den Chauffeur.
5km, meinte dieser. Locker zu schaffen, meinten wir. Doch letztendlich erreichten
wir nach sage und schreibe 25km endlich bei Daemmerung das verfluchte Dorf.
Haetten wir den Fahrer getroffen, der haette was abbekommen!
Oder in Chile. Ich arbeitete auf der Estancia, welche sich direkt am Meer
befand. In 150km sollte ich Porvenir, der Hafen zum Ueberqueren der Magelanstrasse,
erreichen. Ich fragte den Koch nach dem Weg, als dieser meinte, dass es erst
etwas flach gehen wuerde, bevor der Weg in "pura bajada" nach Porvenir fuehren
wuerde. "pura bajada" - lauter abwaerts. Die Estancia befindet sich auf Meereshoehe.
Ein Markenzeichen eines Meereshafens ist, dass sich dieser auch auf Meereshoehe
befindet. Und nun soll ich flach und dann alles runter fahren!?!? Dann muss
das Meer eine verdammte Schraeglage besitzen...!!!
Nun bin ich in Anadhauylas. Vor drei Monaten haette ich nicht hier sein wollen.
Damals, am 2.Januar, besetzte eine Guerillagruppe die Polizeistation hier
im Ort und erschoss sechs Ploizisten. Doch heute ist davon ueberhaupt nichts
mehr zu merken. Das Leben nimmt seinen Lauf und die Leute behandeln mich
super. Oder wird es noch besser kommen, als es die letzten paar Tage schon
war? Kann kaum sein, und wenn es so ist, dann gibts bald wieder ein weiteres
langes Mail....
Gruesse Chrigu
Andahuaylas, Peru