13 Juni 2005 - Quito, Ecuador
Hallo Freunde
Zurueck in Quito darf ich auesserst intensive Tage erleben. Ich treffe taeglich
alte Bekannte und wir haben uns allerhand zu erzaehlen. Da komme ich nun
kaum dazu, all die vielen herzlichen Geburtstagsmails zu beantworten. An
die 50 Mails durfte ich erhalten. Vielen veilen herzlichen Dank! Ich war
zu Traenen geruehrt, als ich erfahren durfte, dass ihr alle immer meine Massenmails
lest. Dies empfinde ich als ein wahnsinnig grosses Kompliment! Danke!
Ich war damals in Trujillo, im Casa de Ciclistas, als ich das letzte Mal
von mir hoeren liess. Auch ich blieb etwas haengen, doch lange nicht die
vier Monate, die es ander Fahrradfahrer dort ausgehalten haben. Aracelli
verdient sich ihr Lebensunterhalt, indem sie Desserts baeckt und diese unter
der Tuere verkauft. So laeuft man, wenn man das Haus verlassen will, immer
an toll aussehenden und lecker riechenden Tortenstuecken vorbei. Um staendig
ein Stuecklien zu kaufen, fehlte mir dann doch etwas das Geld, so dass ich
von meiner Mama Tortenrezepte schicken liess und selber zu backen begann.
Schwarzwaeldertorte! Ajajaj, war as ein Erfolg! Meine erste von mir zubereitete
Schwarzwaeldertorte un schlug gleich toll ein! Ich mischte, schlug und ruehrte
weiter. Eine Roulade, verschiedene Cakes und Moccaglace brachte ich zustande.
An Kalorien sollte es mir in diesen Tagen in Trujillo nicht gefehlt haben!
Doch ich musste bald einmal weiter. Mein Visum zwang mich zu einer baldigen
Ausreise aus Peru. Lucho begleitete mich bis Pacasmayo, einem kleinen Doerfchen
in 100km Entfernung von Trujillo. Dort liess er mich ziehen, schaute mir
noch aus der Ferne nach bis ich als kleiner Punkt in der peruanischen Kuestenwueste
verschwand. Was mich von nun an umgab war Sand, Sand und nochmals Sand. Die
Strasse verlief in der Ferne im Nichts. Die Hitze flimmerte auf dem Asphalt.
Ich legte meinen kleinen FM Radio vorne auf die Lenkertasche und hoerte Musik.
Dies machte diese Einoede etwas ertraeglicher. Ploetzlich ertoente ein englisches
Lied der Backstreet Boys, die sangen "show me the meaning of being lonely...".
Treffender haetten die Worte auf dieser Wuestenstrasse wohl nicht sein koennen.
In dieser Wueste war vor hunderten von Jahren das Volk der Mochika angesiedelt.
1987 wurden bei einem antiken Lehmtempel eine unglaubliche Ausgrabung gemacht.
Mehrere mehr als 1,700 jaehrige Grabkammern kamen zum Vorschein. Die Hauptkammer
gehoerte dem Oberhaupt des Stammes und wurde mit allerhand Grabbeigaben bestueckt.
Unter anderem wurden Menschen geopfert. Sein Sarg wird von acht Menschenopfer
umgeben. Einem Krieger, der ueber dem Sarg des Oberhauptes liegt, fehlen
die Fussknochen. Ihm wurden die Fuesse abgehackt, so dass er sich nicht ploetzlich
aus dem Staub machen koennte.
Zwischen Chiclayo und Piura erstreckt sich die Sechura-Wueste. 215km trennen
die beiden Staedte und dazwischen findet sich ausser einer kargen Busch-
und Sandlandschaft praktisch nichts. Das Asphaltband zerschnitt vor mir das
braun der Wueste. Haette sich im Verlauf des Tages nicht mein eigener Schatten
von meiner linken auf meine rechte Seite bewegt, haette sich wohl an diesem
Tag so ziemlich nichts geaendert. Um die Mittagszeit traf ich auf ein kleines
Restaurant und konnte so fuer eine kurze Zeit der sengenden Sonne entfliehen.
Der Wind blies aus suedlicher Richtung, also zu meinen Gunsten, so dass ich
mit 40km/h durch die Einoede ballerte. Die Fahrt war ein Genuss. Als am spaeten
Nachmittag die Hitze einer angenehmen Temperatur Platz machte, konnte ich
kaum mehr vom Fahrrad steigen. So wurden es an diesem Tag ganze 235km, die
Rulo und ich auf der fast kochenden Wuestenstrasse zuruecklegten.
Mit grossen Schritten naeherten wir uns nun der ecuadorianischen Grenze.
In vier Tagen legten wir gesamthaft 700km zurueck. So erreiche ich noch vor
Ablauf meier Visumsfrist die Grenze, was ganz sicher auch die Zoellner freute....
Die peruanische Kueste lernte ich mit einigen Unterbrechungen von der chilenischen
Grenze ganz im Sueden bis in den Norden zur ecuadorianischen Grenze kennen.
Es ist ein langgezogenes, duennes Band einer aeusserst trockenen Wueste.
Vegetation hat es wenig bis keine. Sobald ich aber die Grenze zu Ecuador
ueberquerte, aenderte sich dies schlagartig. Ich fuhr hinein in die Tropen.
Ploetzlich wuchsen ueberall Baeume, meterhohes Gras, Palmen, Cacaopflanzen
und der Weg war gesaeumt von kilometerlangen Bananenplantagen. Dieser rasante
Kilmawechsel wirkte auf mich wie ein Wunder der Natur. Die Fluesse, die in
Peru als ausgetrocknete Flussbeete daher kamen, fuehrten klares Wasser!
Da ich waehrend Kilometern an Bananenplantagen vorbeifuhr, wollte ich die
Nacht auch in einer dieser Plantagen verbringen. Auf einem kleinen Weg fuhr
ich rein und schlug mein Zelt unter dem Blaetterdach der Bananenstauden auf.
In unmittelbarer Naehe floss ein Bach, wo ich mich nach meinen 150 an diesem
Tag zurueckgelegten Kilometern etwas erfrischen konnte. Doch dieser Fluss
brachte auch seine unangenehme Seite mit sich - die Muecken. Zu hunderten
schwirrten diese Biester durch die Luft und liessen mich ins Zelt kriechen.
Es war schwuel-warm und den Muecken wegen kochte ich im Zelt. So verwandelte
ich mein Zelt innert Minuten in eine Sauna. In den Unterhosen sass ich da,
versuchte mich mit T-Shirts und Badetuechlein etwas abzutrocknen, waehrend
das Kondenswasser von der Decke tropfte.
Am naechsten Tag erreichte ich Guayaquil. Vom Austauschjahr her kannte ich
da meine Kollegin Magaly. Wie herrlich war es in dieser Grossstadt anzukommen
und von einer Person empfangen zu werden! Dank ihr erlebte ich zwei unvergessliche
Wochen in dieser Stadt. Sie nahm mich beispielsweise mit an ein Fest. Es
war ein Geburtstag und so gab es eine "Cangrejada", was so etwas wie eine
"Krebserei" ist. Da werden duzende von Krebsen gekocht und dann frisst man
einfach Krebs. Es waren so grosse rote Dinger mit scharfen Krallen, die eher
leblos in der Pfanne lagen. Anstatt Teller und Besteck wurde uns ein Holzbrett
und ein Holzhammer vorgesetzt und das haemmern ging los. Da bekamen die Krebse
ganz schoen eins auf den Grind. Doch Aufwand und Ertrag waren in keinem Ausmasse.
Es dauerte Minuten, bis ich das wenige Fleisch aus dem Krebs rausgekaempft
hatte. So beendete ich das Essen fuer einmal nicht etwa weil ich satt war,
sondern weil ich die Geduld verlor.....
Meine Abfahrt aus Guayaquil verschob sich taeglich. Noch nie zuvor lernte
ich auf meier Reise in so kurzer Zeit so viele so tolle Leute kennen. Abschiedsfeste
wurden organisiert, so dass es letztendlich an vier verschiedenen Tagen eine
fuer mich organisierte Abschiedsfeier gab.
Nach zwei Wochen in Guayaquil war der Abschied definitiv. Ich fuhr weiter.
Mein Weg fuehrte ein weiteres Mal ueber die Andenkordillere. Vom Meeresspiegel
in Guayaquil bis hoch an den Fuss des Chimborazo, dem hoechsten Berg Ecuadors,
wo ich auf 4,200m die Nacht verbrach, kaempfte ich mich die aeusserst steilen
ecuadorianischen Strasen hoch. Die Ecuadorianer haben ihre Strassen so verdammt
steil gebaut, dass ich da oft kaum vorwaerts kam. In Peru fuehrten die Passstrassen
in langgezogenen Kurven die Haenge hoch. Hier in Ecuador geht es aber oft
einfach gerade den Hang hoch. Da war tschalpen angesagt.
War es an der Kueste noch tropisch heiss, fuhr ich bald durch die verschiedensten
Kilmazonen hoch in die Berge. Erst saeumten Reisfelder meinen Weg. Bald lagen
Cacaobohnen zum trocknen am Strassenrand. Etwas spaeter fuhr ich an Orangen-
und Bananenstaenden vorbei. Bananen in gruener, roter, brauner und gelber
Farbe und nartuerlich in allen Groessen und Biegungen haengten zum Kauf bereit.
Einige Schweissperlen spaeter waren es dann Kartoffel- und Maisfelder, die
die Berghaenge bedeckten. Ich war begeistert von der ecuadorianioschen Artenvielfallt.
Es ging hoch und hoeher. Bald durchfuhr ich eine Wolkendecke. Ich stellte
mir schon vor, dass ich von nun an im Nebel fahren werde. Doch wenige Minuten
spaeter loeste sich der Nebel wieder auf und unter mir erstreckte sich ein
riesiges Wolkenmeer! Vor den Wolken hoch aufragende Palmen machten das tolle
Fotosujet perfekt.
Der direkte Weg von Riobamba nach Baños ist fuer den Autoverkehr gesperrt.
Im Oktober 1999 brach der maechtig neben der Strasse emporragende Vulkan
Tungurahua aus. Die Aschenmasen, die sich mit dem Wasser vermischten, waelzten
sich durch die Schluchten am Vulkanhang und rissen an etwa 15 Stellen die
Strasse weg. Bis zu 20 Meter tiefe Schluchten rissen die Schlammmassen in
die Strasse. Ueber von den Bewohnern notfallmaessig gebastelten Bruecken
ueberwand ich diese Hindernisse.
Die Nacht verbrachte ich unterwegs, zwischen weggerissener Strasse, auf einer
Huehnerfarm. Vor dem Ausbruch arbeiteten hier 25 Leute. Die Farm besass 100,000
Huehner. Heute arbeiten hier noch vier Personen und die Farm besitzt nur
noch einen Zehntel des einstigen Huehnerbestandes.
Als der Vulkan die Gegend bedrohte, waren die Leute gezwungen, ihre Huehner
stark unter dem Preis zu verkaufen. Die Zone wurde evakuiert. Das Militaer
sperrte das Gebiet grossraeumig ab und liess keinen Menschen mehr ins Sperrgebiet
vordringen. Waehrend drei Jahren blieben die Haeuser verlassen. Durch den
Druck der Asche fielen die Daecher ein. Waere jemand vor Ort geblieben und
haette die Daecher regelmaessig geputzt, haette dieser Schaden vermieden
werden koennen. Doch anstatt die ansaessigen Leute zu ihren Haeusern vorkommen
zu lassen, wagten sich nur die Militaers ins Gebiet, drangen gewaltsam in
die leerstehenden Haeuser ein und raubten alles, was nicht festgemauert war.
Als die Leute im 2002 wieder ins Gebiet gelassen wurden, war ihnen alles
gestohlen worden, die Haeuser waren unter dem Aschendruck zusammengefallen
und die Huehner hatten sie ja zu einem schlechten Preis verkaufen muessen.
Nach vier Tagen anstrengender Andenueberquerung erreichte ich Puyo. Meine
Batterien waren leer. Auf dem Weg aus der Stadt hielt ploetzlich ein Auto
neben mir. Vier Koepfe starrten mich an und Xavier fragte, wo ich den zu
dieser spaeten Stunde noch hinfahren will. Nach Tena, meinte ich, was nun
kurz vor Dunkelheit fuer mich keinenfalls mehr zu erreichen war. Er sei der
Besitzer der sich in etwa drei Kilometer Entfernung befindenden Hosteria
Safari und wuerde mich gerne einladen! Diese Wort waren wie ein Blitz, der
in mir frische Energien zuendete. Ich trat in die Pedale und erreichte diese
Hosteria.
Noch bevor ich mich etwas waschen konnte, stand auch schon das verspaetete
Mittagessen vor mir auf dem Tisch. Anschliessend legten wir uns ins Sprudelbecken,
setzten uns in die Sauna, schwitzten im Dampfbad und schwammen im Aussenschwimmbecken.
Ich war in eine luxerioese Feriensiedlung eingeladen worden! Die Nacht in
einer der Cabañas hier soll an die 50U$ kosten. Mit Xavier verstand ich mich
bestens, so dass er mich bat, doch noch einan Tag laenger zu bleiben. So
genoss ich auch am naechsten Tag den Luxus dieser Hotelanlage, liess mich
verwoehnen und schlug mir beim Morgenessen so richtig den Bauch voll. Ein
Buffet mit drei verschiedene Fruchtsaefte, drei Sorten von Yoghurts, sechs
verschiedene Brote ? ich war mir Bescheideneres gewohnt. Das Glueck hatte
bei mir ein weiteres Mal zugeschlagen.
Die Vegetation im Amazonastiefland war wieder einmal ueppig. Ein saftiges
gruen saeumte die Strasse. Doch der Urwald ist nicht von ungefaehr so ueppig
und gruen. Hier regnet es immer und meistens auch noch stark. So wurde ich
taeglich etwas verpisst. Dadurch verwandelte sich die Strasse oft zu einem
Schlammbecken. Aus einem rollen wurde ein kleben. Typischer Urwaldschlamm
bedeckte die Fahrbahn. Da es dazu auch noch leicht bergan ging, trat ich
schwer und fluchte laut.
Vor einem der zahlreichen Regenguesse erreichte ich Baeza. Auf der Suche
nach einer Schlafmoeglichleit traf ich Estalin, der mich spontan zu sich
nach Hause einlud. Wir setzten uns in seine Stube und redeten. Er besitzt
eine kleine Finca mit sechs Kuehen, die er jeden Morgen bei Regen, Nebel
und Sonnenschein draussen melkt. Die Milch kaufe Nestlé, die zwar wenig zahlen,
ihm aber eine sichere Abnahme garantieren. Die zahlen wenig und machen dafuer
doppelten Gewinn, der letztendlich ja dann wieder uns Schweizern zugute kommt,
dachte ich.
Ich wurde zum Nachtessen eingeladen. Es gab eine Suppe mit einem dicken roten
Krebs darin. Mit nun doch schon etwas mehr Uebung biss ich die Krebse auf
und genoss das wenige Fleisch. Am naechsten Morgen bekam ich ein Z?morge
und als kurz vor dem Mittag der Regen aufzuhoeren schien und ich losfahren
wollte, wurde mir auch noch ein Z'mittag bereit gestellt. Waehrend den 12
Tagen von Guayaquil bis Quito wurde ich zu 12 Mahlzeiten eingeladen!
Ich verabschiedete mich von der Familie Molina in Baeza und fuhr los in Richtung
Papallacta. Bald begann es aber auch schon wieder zu regnen und hoerte so
schnell nicht mehr auf. Als ich nach wenigen Minuten bis auf die Unterhosen
nass war, spielte es auch keine Rolle mehr, ob es nun noch staerker zu pissen
begann. Ich pedalte weiter. Etwas trieb mich vorwaerts. Es war das Wissen
in Papallacta die Thermen anzutreffen. Nach vier Stunden Regenfahrt erreichte
ich die heissen Quellen, zog mich rasch um und rein ins waermende Nass. War
das herrlich! Zehen und Finger tauten in Sekundenschnelle auf. Die Anstrengung
hatte sich also doch gelohnt.
Nun fehlten nur noch wenige Stunden, bis ich Quito erreichen sollte. Den
Kopf unter Wasser liess ich meine Gedanken kreisen. Ich fuhr in Gedanken
schon ein erstes Mal durch Quitos Strassen und stellte mir den Weg zum Hause
der Familie Saavedra vor. Das Bad in den Thermen gab mir die Moeglichkeit,
mich entspannt auf den naechsten Tag vorzubereiten. Ich wurde nervoes und
konnte den Augenblick der Ankunft in Quito kaum mehr erwarten.
Ueber einen etwas mehr als 4,000m hohen Pass erreichte ich das Hochtal, in
welchem sich Quito befindet. Und dann sah ich sie ploetzlich, die Hochhaeuser
des modernen Zentrums von Quito. Was dann folgte, habe ich ja schon teilweise
geschrieben.
Am 664 Tage meiner Reise erreichte ich Quito. Mit fast einem Jahr Verspaetung
zwar, doch ich war da. Meine Reise gelangt an ihr Ziel. Vom meinem Daheim
in der Schweiz radelte ich zu meinem Daheim hier in Ecuador. Doch wie geht
es nun weiter? Ist hier nun Schluss? Werden ich euch wohl bald nicht mehr
mit meinen Massenmails aus Suedamerika begluecken? Ich bin am denken. In
einer Woche werde ich mich wieder melden und euch von meinen weiteren Plaenen
berichten. Bis bald!
Gruss Chrigu
Quito, Ecuador