5 Juli 2005 - Bogota, Kolumbien
Hallo Freunde
Unten am Mail werdet ihr "Gruss Chrigu; Bogota, Colombia" lesen, womit auch
schon viel ueber meine Zukunftsplaene gesagt ist. Ich fahre weiter. Lange
denken musste ich nicht, um diesen Entscheid zu treffen, wusste ich doch
schon seit Monaten, dass Quito fuer mich nur das Ende der ersten Reiseetappe
sein wird und gleichzeitig den Beginn einer zweiten Reise. Naemlich derjenigen
wieder nach Hause in die Schweiz.
Ich fahre von Quito wieder per Velo zurueck nach Bern. So einfach koennte
die Erklaerung fuer meine Fortsetzung der Reise sein. Doch soll darin nicht
der ganze Sinn meiner zukuenftigen Resie bestehen.
Ich war waehrend den letzten Monaten Teil des suedamerikanischen Lebens,
erhielt Einblicke in das Leben und die Beduerfnisse der Leute und wurde mir
den Ungerechtigkeiten, die wir Menschen in unserer Welt zulassen, bewusst.
Aus dem entwickelten Europa fuhr ich ins beduerftige Suedamerika. Hier sah,
erlebte und hoerte ich das Leben der Leute. Mit deren Botschaft will ich
nun durch Mittelamerika nach Nordamerika fahren, um davon berichten zu koennen.
Unterwegs werde ich die mittelamerikanischen Laender besuchen. Dabei werde
ich einen Abstecher nach Cuba machen. Findet sich dort eventuell einen Ansatz
einer Alternative zur aktuell existierenden Ungerechtigkeit des Kapitalismus?
Unterwegs erhielt ich immer mehr Einblick in das Leben der einfachen Landbevoelkerung.
Der Kontakt mit den einfachen Leuten auf dem Lande, die durch unser kapitalistisches
System gezwungen werden, Geld zu verdienen, um ueberleben zu koennen, liessen
mich die Ungerechtigkeit unseres Weltsystemes hautnah miterleben. Essen besitzen
sie genuegend. Doch Geld verdienen sie wenig bis nichts. Unser weltweiter
Kapitalismus funktioniert nur, wenn ein Teil der Welt finanziell arm bleibt.
Wir Europaeer leben in Reichtum dank der Armut in Suedamerika und andern
Teilen der Welt.
Suedamerika wird vor allem vom grossen Bruder im Nodern des Kontinentes ausgebeutet.
Diesem grossen Bruder gegenueber habe ich viele Vorurteile, ohne eigentlich
das wahre Leben in den USA zu kennen. Dies ist einer der Gruende, wieso ich
bis hoch in die USA fahren will. Ich will sehen, wie die Leute dort leben
um somit den direkten Vergleich zum Leben in Suedamerika machen zu koennen.
Erst wenn ich das Leben und die Denkweise der Nordamerikaner kenne, werde
ich wirklich die ueber ihren Lebensstil, ihre Denkweise und ihre Politik
urteilen, ausrufen und fluchen koennen!
In einem Interview mit einer Tageszeitung wurde ich auf die allfaellige Parallelen
zwischen meiner Fahrradreise und der Motorradreise von Ernesto Che Guevara
in den 50er Jahren angesprochen.
In Ches Film "Diario de Motociclista" bricht ein Jugendlicher zu eine Vergnuegungsreise
per Moto durch Suedamerika auf. Bis er Bolivien erreicht, interessiert vor
allem die Landschaft, die Chicas und das Vergnuegen. In Chuquicamata (Kupfermine
im Nodern Chiles ? besuchte selber auch diese Staette) wird Ernesto zum ersten
Mal mit der Wirklichkeit, den Beduerfnissen der Leute konfrontiert. Von da
weg handelt der Film vor allem von den Leute und deren Beduerfnissen.
Ich brach am 11.8.03 zu einer Vergnuegungsreise per Velo durch Suedamerika
auf. Mich interessierte vor allem die Landschaft, die Chicas und das Vergnuegen.
Als ich in Uyuni fuer 2 Monate mit Bolivianern zusammenarbeitete, merkte
ich deren Beduerfnisse. Chauffeure ohne jegliche Krankenversicherung, tiefer
Lohn, schlechte Behandlung, oft schlechte Autos und ungenuegende Mengen an
Essen.
Che Guevara wurde am 9.10.67 in La Higuera, einem kleinen Dorf in den bolivianischen
Anden erschossen. Am 21.10.04 erreichte ich La Higuera. Seine sterblichen
Ueberreste liegen seit einigen Jahren in Santa Clara, Cuba in einem Mausoleum.
In einigen Monaten will ich auch diese Staette besuchen.
Anstatt ein Jahr werde ich somit nun mehrere Jahre unterwegs sein. Finanziell
musste ich mir da etwas einfallen lassen. Laenger an einem Ort bleiben, um
etwas zu arbeiten, will ich nicht mehr umbedingt, so dass ich eine Alternative
suchte. Ich fand sie, als mir in Guayaquil ein verfruehtes Geburtstagsfest
organisiert wurde.
Von einer Kollegin erhielt ich ein kleines aus Draht gebogenes Fahrrad geschenkt.
Wie mich dieses Geschenk freute! Da kam mir eine Idee. Am naechsten Tag kaufte
ich mir eine Drahtzange und Draht. Ich setzte mich hin und versuchte selber
ein solches Fahrrad zu biegen. Die ersten Exemplare waren noch kaum als Fahrraeder
zu erkennen. Doch schon bald entstanden lustige kleine Velos.
Nach einigen Tagen erreichte ich Baños, einer der touristischten Orte in
ganz Ecuador. Ich kaufte mir einige Brote und setzte mich auf eine Parkbank.
Waehrend ich meine Butterbrote strich, legte ich meine gebogenen Drahtvelos
vor mir auf den Boden. Mein dreckiges Aussehen, mein vollbepackter Rulo und
die Veloeli erregten das Aufsehen. Ich hatte das erste Butterbrot noch nicht
fertig gestrichen, als auch schon die erste Familie vorbei lief, stehen blieb
und nach einem kurzen Gespraech mir eines dieser Veloexemplare abkauften.
In weniger als einer Stunde verkaufte ich fuenf dieser Fahrraeder. Ein kleiner
Bursche bezahlte 0.50 U$; von einer reichen Familie aus Quito erhielt ich
5 U$ bezahlt.
So hoffe ich nun, mich zukuenftig finanziell ueber Wasser halten zu koenne.
Dies sollte aber nicht all zu schwer sein, da ich nach zwei Jahren unterwegs
meine Beduerfnisse auf ein Minimum gesenkt habe.
Auf einer der vielen Landstrassen entwickelte ich eine meiner Velosophien
(Velo-Philosophie): ?Besitze ich wenig, komme ich besser vorwaerts. Trage
ich x-Kilo auf meinem Fahrrad mit, faellt mir das Vorwaertskommen schwer.
Besitze ich wenig bis nichts, trete ich leicht und geniesse meine Fahrt.
Gleich so im Leben. Wer zwei Haeuser, vier Autos und drei Unternehmen besitzt,
kommt kaum vom Fleck, lebt staendig in Besorgnis um sein Besitz und muss
sich schuetzen, dass ihm nicht ploetzlich sein Hab abhanden kommt. Wer materiel
nichts besitzt, braucht sich um nichts zu kuemmern und lebt leicht und bedenkenlos.?
In den naechsten Tagen wird sich bei mir einiges aendern. Bald werde ich
in Begleitung unterwegs sein. Ich erwarte Besuch. Heute Nachmittag trifft
Mathias Doering, ein Kollege aus meiner Semerzeit, hier am Flughafen in Bogota
ein. Mit im Gepaeck hat er sein Fahrrad. Zusammen werden wir vier Monate
durch Kolumbien, Venezuela und Teil Mittelamerikas fahren. Ich freue mich
auf seine Begleitung und hoffe ihn mit meier Reiseart nicht all zu sehr zu
ueberfordern.
Mit im Gepaeck wird er auch ein zweites Fahrrad haben. Fuer mich. Rulo kam
nach unserem Unfall nie mehr so richtig in Schwung. An den Flickstellen traten
kleine Risse auf, die bei einer rassanten Abfahrt verherende Folgen haben
koennten. So reklamierte ich bei MTB Cycletech, dem Fahrradladen in Bern,
den Schaden. Nun wird mir mein Rulo gratis ersetzt. Somit geht die ?Aera
Rulo? zu Ende. 23.000km sind wir zusammen gefahren, mehr haben es nicht werden
sollen. Mit schwerem Herzen werde ich mich bald von meinem treuen Begleiter
trennen muessen.
Von nun an wird ?Hermes? mit mir unterwegs sein. Hermes ist der Namen des
Hundes im Buch ?Sophies Welt?, welcher der kleinen Sophie staendig Briefe
mir philosophischen Anregungen und Erklaerungen zukommen laesst. Ich hoffe,
dass Hermes mich unterwegs an den Geheimnisse und moeglichen Erklaerungen
unserer Welt vorbeifuehren wird.
Wann ich letztendlich wieder schweizer Boden betretten will, ist noch sehr
ungewiss. Ich wollte im August 04 Quito erreichen. Es wurde schlussendlich
Juni 05, bis ich dort war. Nun moechte ich im Dezebmer 06 in Bern sein.
?Este camino es extravagante, discurre en meandros, quizá se cierre en círculo.
Pero vaya como vaya, quiero recorrerlo.? ? ?Dieser Weg ist aussergewoehnlich,
verlaeuft in Maeandern, vielleicht schliesst er sich im Kreise. Doch sei
es wie es sei, ich will ihn begehen.? Diesen Satz las ich vor Tagen im Buch
?Siddhartha? von Herman Hesse. Er spricht mir aus dem Herzen.
Gruss Chrigu
Bogota, Colombia