15 August 2005 - San Cristobal, Venezuela
Hallo Freunde
Als ich das letzte Massenmail aus Manizales schickte, meinte ich, euch bald
einmal von venezolanischen Erlebnissen berichten zu koennen. Doch vorlaeuffig
war es noch Kolumbien, was erleben liess. Oft waren es angenehme Begegnugnen
mit den herzlichen Kolumbianern, dann wieder Schreckensgeschichten des anhaltenden
Konfliktes und letztlich erlebten wir auch weniger angenehmes. Rebellengruppen,
die uns in den Weg stellten.
Laengs durch Kolumbien ziehen sich drei massive Bergketten, so dass ein sich
Velofahrer oft die Zaehne an den schier endlosen Steigungen ausbeisst. Nach
Manizales war dies wieder einmal der Fall, wo wir den 3.700m hohen Alto de
las Letras ueberquerten. Mit etwas tieferen Atemzuegen als gewohnt schafften
wir aber auch dieses Hindernis. Leider war es dann aber schon spaet, als
wir dort oben im Doerfchen Alto de las Letras eintrafen. Klat war es auch
noch dazu, so dass wir uns in ein improvisiertes Cafe setzten. Bald erhielten
wir Gesellschaft vom dort oben stationierten Militaer. Wir kamen ins Gesparech,
tranken noch ein weiteres Cafe, als es auch schon zu spaet war, um noch weiter
zu fahren. So erkundeten wir uns, wo es hier oben fuer uns eine Schlafgelegenheit
geben wuerde, als einer der Militaerkommendanten meinte, wieso wir nicht
bei ihnen im Militaerlager schlafen wollen. Eine Nacht beim Militaer im konfliktreichen
Kolumbien? Das wollten wir nun wirklich nicht umbedingt, nahmen aber das
Angebot dann doch an. So verbrachten wir diese Nacht neben spartanisch ausgeruesteten
kolumbianisachen Soldaten, die auf 3.700m um sich zu decken nur gerade eine
duenne Wolldecke zur Verfuegung hatten.
Die beiden Kommendanten, mit denen ich vor allem redete, erzaehlten wieder
einmal Schreckens- geschichten ueber ihre Taetigkeit. Jhon Jairon, der aeltere
der beiden, sei schon seit 18 Jahren beim Militaer. Viele Tote habe er in
diesen Jahren sehen muessen. Gefragt, ob er sich noch an den ersten Toten
erinnern moege, den er zu Gesicht bekam, erzaehlte er die Geschichte eines
Jungen, der beim Durchstreiffen des Waldes auf eine Personenmine trat, welche
explodoerte und ihm ein Bein wegriss. Zusammen mit einem andern Soldaten
trug Jhon Jairon seinen Kollegen zum nahen Fluss, wo sie ihn per Boot in
ein Krankenlager bringen wollten. Der Weg war aber fuer den Verletzten zu
lang, so dass er in Jhon Jairons Armen verblutete und starb. Als er diese
Geschichte erzaehlte wurde seine Stimme flau und seine Augen glaenzig. 18
Jahre Konflikt hinterlassen eben auch ihre tiefen Spuren auf der Seele eines
jeden harten Soldaten.
Jhon Jairon erzaehlte auch von einer Situation, wo es fast ihn erwischt haette.
Damals, als sie im Dschungel ein Rebellenlager aufspuerten. Er sei bei der
Vorhut gewesen, die feindliche Lager habe aufspueren muessen. So sei er vorsichtig
durch das Dickicht geschlichen, als ploetzlich vor ihm der ganze gegenueberliegende
Hang voller Rebellen war. Blei kam zu fliegen, welches er mit eigenen Schuessen
erwiederte. Noch rechtzeitig konnte er sich hinter einen grossen Stein fluechten,
welcher ihn vor den Schuessen schuetzte. Um ihn herum sei die Munition wie
wild durch die Gegend geflogen. Dank des Steines blieb er verschont. Erst
als die Luftwaffe zur Verstaerkung anrueckte und die durch GPS Navigation
bestimmte feindliche Zone bombardierte, konnte er sich in das rettende Gebiet
zurueck begeben.
Der andere Kommandant, Eduardo Lesmes, erzaehlte mir von den vielen ausgehobenen
Kokainlabors, welche seine Leute schon im Dschungel aufgespuert haetten.
Unter primitivsten Bedingungen wuerden dort im Nichts unter groesstmoeglicher
Tarnung Kokain hergestellt. Leute seien nie welche dort, da das Informationssystem
der Rebellengruppen so ausgezeichnet funktioniere, dass sie immer rechtzeitig
die Flucht ergreiffen wuerden. Was zu finden sei, sei immer das gleiche.
Grosse Behaelter, Mengen an Benzin, Behaelter mir einem sogenanten Acido
Sulfurico, Ziment, Mikrowellenoefen und haufenweise Cocablaetter. Die Herstellung
des Kokains sei eben sehr einfach, meinte Eduardo, und erklaerte mir den
Herstellungsprozess. Haette ich nun auch noch die Mengenangaben, so koennte
ich auch in diesen Geschaeft einsteigen....
Wir fuhren runter ins Tal des Rio Magdalena, dem wichtigsten Fluss Kolumbiens.
Nun wurde es flach und warm, ja sogar heiss. Konnten wir die Nacht zuvor
der Kaelte wegen fast nicht schlafen, war es nun die Hitze, die uns den Schlaf
raubte. Ploetzlich sehnten wir uns nach der Kaelte dort oben beim Militaer
zurueck....
Bei Puerto Boyaca am Rio Magdalena hatten wir geplant, auf einer kleinen
Schotterstrasse nach Tunja hoch zu fahren. So bogen wir bald in Richtung
Pizarra ab und fuhren am Sonntag auf einer sehr angenehmen und ruhigen Landstrasse
dem Dorf entgegen. Es war herrlich und wir fuehlten uns auf einer sonntaeglichen
Velowanderung. Ploetzlich wurde uns von einem Restaurant aus zugerufen, wir
sollen doch mit ihnen ein Bier trinken kommen. Aus einem Bier wurden deren
drei, bis wir wieder weiter kamen. Die Beine waren nun etwas schwer, was
aber der guten Laune nichts anzuhaben schien. In Pizarra waren nur einige
wenige Haeuser zu sehen, so dass wir ins naechste Doerfchen nach Marfil weiter
fuhren. Ploetzlich wurden wir vor dem Dorfeingang von einem Jungen angehalten.
Er hatte ein Funkgeraet in der Hand. Er fragte uns nach unseren Absichten,
wo wir hin wollen, wer wir seine, was wir hier suchen. Als er die gewuenschten
Infos erhalten hatte, entfernte er sich etwas von uns und redete per Funkgeraet.
Doering und ich standen mitten auf der Strasse und schauten uns ziemlich
ratlos an. Als der Junge sich uns wieder naeherte, meinte er, dass er nun
mit seinem Chef gesprochen haette und wir besser nicht hier duch diese Zone
fahren wuerden. Ich fragte nach. Dieses Gebiet wuerde von der Gruppe Autodefensa
Medellin-Magdalena kontrolliert. Personen, die man nicht kenne, wuerden nur
dann ins Gebiet gelassen, wenn sie fuer die Gruppe keine Gefahr darstellen.
Wer suspekt scheint, bleibt besser fern. Hier herrscht Selbstjustiz. Die
Regierung mit Polizei, Militaer und Justiz sei ganz aus diesem Gebiet vertrieben
worden. Die Regeln wuerden selbst gemacht. Regeln, die eben von Fall zu Fall
auch aendern koennen. Seit wir am Vorabend von der Hauptstrassen auf diese
Nabenstrassen abgebogen seine, seien wir von irgend Spitzeln verfolgt worden.
Hier in Marfil habe man uns schon erwartet und den ganzen Sonntag durch mit
unsere Ankunft gerechnet. Die unterwegs geschenkten Biers, die wir als Geste
von Freundschaft angesehen hatten, waren ein kluges Manoever um uns ein erstes
Mal zu vernehmen. An eine Weiterfahrt war unter diesen Umstaenden nicht zu
denken. Wir fragten fuer die Erlaubnis, um in Marfil etwas essen gehen zu
koennen, was der Junge per Funk komunizierte und uns anschliessend ins Dorf
liess. Waehrend wir assen, spuerten wir richtiggehend die stechenden Blicke
der Dorfbewohner, die wohl jedem Misstrauen, den sie zuvor noch nie gesehen
haben. Froh waren wir dann, als wir dem Dorf und der Gegend den Ruecken kehren
konnten.
So schliefen wir eine zweite Nacht auf der Hacienda La Pintada, wo uns Fabio
eine weitere Nacht schlafen liess. Er ist einer dieser typischen Herdentreiber,
die stolz mit ihrem grossen Sombrero und den weissen Hosen hoch zu Ross ihren
Kuhherden hinterher reiten. Es werden vor allem Zebus gehalten zur Fleischproduktion.
Auf einigen Haciendas gaebe es auch Milchkuehe, aber nur selten Melkmaschienen.
So werde auch er bald an die 60 Milchkuehe haben, die er dann jeden morgen
mit zwei Angestellten von Hand melken werde. Als er uns die Hand zustreckte,
merkten wir, dass dieser Mann sich das Handmelken gewohnt ist. Uns wurde
eine Pranke entgegengestreckt, die dessen eines Baeren in nichts nachsteht.
Auf dem Weg von Marfil zurueck zur Hacienda La Pintada biss es mich staendig.
Es war heiss und ich schwitzte. Doch auch nach einer Dusche wollte das beissen
nicht stoppen. Ich fuhr mir durch die Haare, als ich etwas zwischen den Fingern
hielt. Zu hellem Licht schaute ich das Ding an, was sich bald als eine typische
Laus entpuppte! Da lag sie also, diese weisse fette Laus und streckte all
ihre Beinchen weit von sich. Auf meinem Fingernagel war es ihr bei weitem
nicht so wohl wie in meinen Struppelhaaren, die ich, seit ich sie im Januar
in Arequipa ein letztes Mal schneiden liess, habe wachsen lassen. Doch nun
war es also hoechst Zeit, meiner Haarpracht ein Ende zu setzen. Ich nahm
die Schere, begab mich in die Dunkelheit und setzte die Klingen an. Ritsch-ratsch
und bald waren die Haare weg. Doering beurteilte meine selber geschnittene
Frisur als gelungener Erstschnitt einer Coiffeurlehrtochter. Es sollten noch
Tage vergehen, wo ich anschliessend diese Frisur zur Schau trug.
Es ging weiter dem Rio Magdalene entlang. Die naechste Nacht verbrachten
wir auf einer der zahlreichen sich am Strassenrand befindenden Haciendas.
Wir redeten mit den Angestellten, waehrend ein Junger um uns herum mit der
Steinschleuder um sich schoss und ploetzlich mit einem noch zappelnden Vogel
daher kam. Ich fragte ihn, wieso er dieses schuldlose Tier nun habe toeten
muessen, um ihn anschliessend belehren zu wollen, dass man doch nicht einfach
so Tiere toeten wuerde, als er mir zuvor kam und meinte, dass er damit seine
zwei Boas fuettern wuerde. Das wollte ich sehen! Wir liefen zu seinem Schlangenkasten,
wo er gekonnt eine dieser Boas heraushob. Sie schnappte, schlang sich um
den Koerper des Vogels und drueckte ihren muskuloesen Koerper so stark zusammen,
dass der Vogel noch ein paarmal zuckte und letztlich leblos liegen blieb.
Nun oeffnete die Boa ihr Mund, umfasste den Vogel, zog den Oberkiefer gekonnt
ueber dieses Tierchen und verschlang den Vogel ganz. Es war ein Naturschauspiel
sondergleichen!
Als sich der Vogel im Koerper befand, wollte die Boa auch schon auf und davon.
Hernando, der Junge, griff ihr nach und legte sie sich um den Hals. Ich staunte
nicht schlecht, als ich diesen 15 jaehrigen Jungen mit dieser Schlange um
den Hals vor mir stehen sah. Ich wurde neugierig. Erst beruehrte ich scheu
die Schlangenhaut, umgriff bald den Koerper, liess anschliessend den Kopf
ueber meinen Arm gleiten, als ich sich auch schon bald die ganze Schlange
um meinen Arm und Nacken wickelte. Es war ein Gefuehl, wovor ich mich mein
Leben lang fuerchtete. Vor Schlangen hatte ich immer Respekt, um nicht zu
sagen Angst. Nun hatte ich auch diese Angst ueberwunden.
Da wir von den Autodefensas Medellin-Magdalena an der direkten fahrt nach
Tunja gehindert wurde, fuhren wir weitere Kilometer flach dem Rio Magdalena
entlang. Es war bruehtend heiss und wir schwitzten stark. Als wir wieder
einmal nichtssagend hintereinander ueber den Asphalt pedalten, fuhr ein Polizeiauto
neben uns. Sieben bewaffnete Polizisten gafften uns an und ueberfluteten
uns mit Fragen. Ein Wort gab das andere, als sie meinten, dass sie in ein
paar Kilometern auf uns warten wuerden, so dass wir zusammen ein Bier trinken
koennen. So war es dann auch. Wir lehnten unsere Velos ans Polizeiauto und
erhielten je zwei Biers. Innerhalb von zwei Tagen erhielten wir 10 Biers
geschenkt. Einmal tranken wir mit Leuten der Autodefensa. Ein andermal mit
Leuten der Polizei. Ob diese beiden Gruppen wohl auch zusammen Bier trinken
wuerden...?
Wir erreichten Bucaramanga. Bei der Feuerwehr fanden wir ein bequemes Nachtquartier.
Den folgenden Tage hatten wir als Ruhetag geplant. Es war der 11.August.
Zwei Jahre sind also schon vergangen, seit ich an diesem Tag meine Odysee
begann.
Als wir nach meinem Jahrestag Bucaramanga verliessen, hatten wir erst einmal
wieder einen mehr als 3.000m hohen Pass zu ueberwinden. Es ging hoch und
hoeher und als wir nach 50km oben die Hoehe erreichten, erging es uns aehnlich
wie schon nach Manizales. Es war spaet, die Temperaturen tief und aus Zeitmangel
war an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken. In einem sich im Bau befindenden
Haus konnten wir unsere Zelt errichten. Wir setzten uns vors Haus auf eine
Bank, als sich ploetzlich drei Jungs uns naeherten. Sie seinen aus Bucaramange,
auch Velofahrer, so dass sie sich fuer unsere Reise interessierten. Sie fragten
uns ueber unsere Reise aus, als ich sie nach dem Grund ihrer Reise fragte.
Sie seinen unterwegs nach San Cristobal an eine Hochzeit am kommenden Sonntag.
Als ich dies hoerte, zuendete sich in mir ein Feuer. Eine Hochzeit in Venezuela,
das waere ein Ding! Ich fragte, erzaehlte von der Hochzeit in Arequipa, der
ich beiwohnte, redete, als sie ploetzlich eine Einladung aus dem Portemonnaie
zogen und sie uns zustreckten. Sie wuerden uns einladen und uns am Sonntag
in San Cristobal erwarten.
Unglaublich! Nun hatten wir eine Einlkadung an ein Hochzeit von Leuten, die
wir ueberhaupt nicht kannten. Uns fehlten noch 210km bis nach San Cristobal,
die wir in zwei Tagen zuruecklegen mussten. Dazu lief ich immer noch mit
meiner schrecklichen selber geschnittenen Frisur herum. Zeit hatten wir nicht
uebermaessig viel zur Verfuegung, doch es reichte. Wir traten kraeftig in
die Pedale, ich setzte mich eines Mittags kurz in einen Haarsalon, so dass
wir gestern Sonntag hier in San Cristobal eintrafen. Die Zeit reichte gerade
einmal um uns etwas zu waschen, unsere besten der nicht wirklich tollen Kleider
ueber zu streifen, als wir auch schon in der Kirche sassen. Maettu in seinen
Wanderschuhen, ich mit den halb zerrissenen Mammuthosen. Den Preis fuer die
beste Kleidung sollten wir an diesem Abend nicht gewinnen.
Als es anschliessend ans Festessen ging, lernten wir endlich auch noch die
Jungs kennen, die uns spontan hier ans Fest eingeladen hatten. Es waren fuenf
Brueder, Edy, Omar, Gerson, Edison und Julian, die sich herzlich um uns kuemmerten.
Wir schlugen uns die Baeuche voll und unterhielten uns dazu mit den Jungs.
Es wurde zu einem schoenen und unterhaltsamen Abend. Einem Abend, den sich
eigentlich kein Reisender bei Reiseantritt vorzustellen mag.
Als wir uns um 3Uhr nach Hause begaben, setzten wir uns noch eine ganze Weile
vors Haus und redeten. Die Familie zeigte grosses Interesse an meiner Reis.
Ich erzaehlte ihnen viel und merkte, dass ich beim Vater einen Zuhoerer fand,
der mich verstand. Als er anschliessend aus seinem Leben zu erzaehlen begann,
merkte ich auch wieso.
Gehe ich zum Doktor und erzaehle ihm, dass ich mir mit dem Hammer auf den
Finger gehauen habe und es mir darum schmerzen wuerde, koenne der Doktor
den Schmerz doch nur verstehen, wenn er ihn selber auch einmal erleben musste.
So wuerde es uns doch auch Tag taeglich im Leben ergehen. Wer einmal hungerte,
weiss was es heisst, mit leerem Magen ins Bett zu gehen. Wer einmal frohr,
weiss was es heisst, Kaelte ertragen zu muessen. Kurz gesagt, wer erlebt,
versteht das Leben anderer besser.
Und dieser Vater erlebte viel. Geboren sei er auf dem Lande. Mit 10 Jahren
sei er von Zuhause weg gezogen und lebte fortan in Bogota. Mit 12 begann
er zu arbeiten, so dass er fortan sich selbstaendig unterhalten konnte. Er
habe in Kuechen gearbeitet, auf dem Bau, als Botenjunger, in Privathaeusern.
Als er einen Job als ?Junger fuer alles? in einem Retaurant erhielt, habe
er oft Arbeitstage von 4Uhr a.m. bis 2Uhr a.m. gehabt. Schlafen haette er
da nur zwischen den Stuehlen koennen. Mit 36 Jahren, als er schon eine Familie
gegruendet hatte, lebte er immer noch in einer Armensiedlung, wo sein Haus
aus puren Brettern, Kartons, Blech und Papier bestanden habe. Als Chauffeur
habe er ganz Kolumbien kennen gelernt, habe auch in vielen verschiedenen
Staedten gelebt. Heute besitze er ein eigenes kleines Geschaeft, verkauft
Autoteile und verdient sich so sein Lebensunterhalt. Ich merkte, dass mir
bei seinen Erzaehlungen auch nach zwei Jahren Suedamerika immer noch die
Erfahrungen fehlen, um sein Leben wirklich zu verstehen, lebte ich doch nie
mit Frau und Kindern in einer Bretterbude.
Zusammen mit Maettu kamen wir in der kleinen Wohnstube in der Wohnung eines
Onkels unter. Platz fuer mehr Leute haette es im Haus keinen mehr gehabt.
Doch obwohl der Paltz knapp war, wurden auch hier noch ein Plaetzchen gesucht,
dass sich auch die beiden Schweizer schlafen legen konnten. Wir durften wieder
einmal eine Gastfreundschaft erleben, die ich zuvor nicht gekannt hatte.
Heute liefen wir nun zusammen in die Stadt. Edison, sein Vater, Maettu und
ich, als mich der Vater ploetzlich etwas beiseite zog, mir die Hand zustreckte
und mir Geld in die Finger drueckte. Er sei arm, habe wenig, doch sei er
so angetan von meinen Erzaehlungen, meiner Reise und meiner Persoenlichkeit,
dass er mir etwas an ein Suessgetraenk zahlen wolle. Es sei nicht viel, doch
komme es von Herzen! Ich war sprachlos, wusste nicht was sagen, konnte das
Geld fast nicht entgegen nehmen. Doch weiss ich aus eigener Erfahrung, dass
ich es gerne habe, wenn Leute meine Geschenke akzeptieren. Ich schenke dann,
wenn ich den Moment zum schenken empfinden, oder wie es die Leute hier ausdruecken,
?wenn es mir waechst?. So nahm ich eben auch dieses Geschenk entgegen und
werde den Moment wohl kaum mehr vergessen, als ich diesem Mann in die Augen
schaute um ihm zu danken.
Nun, heute bleiben wir nun noch hier in San Cristobal, geniessen die Zeit
mit der Familie, bevor wir dann morgen in Richtung Merida weiterfahren werden.
Neben Merida ragt der hoechste Berg Venezuelas empor, der Pico Bolivar mit
seinen 5.007m. Zusammen mit Maettu wollen wir auf diesen Berg steigen. Fuer
Maettu wird es der hoechste je in seinem Leben erreichte Punkt sein. Fuer
mich ein weiteres Mal ueber 5.000m.
Gruss Chrigu
San Cristobal, Venezuela